Über Reisen in der Holzklasse, Klaustrophobie, Verhalten in Ausnahmesituationen, Erkenntnisse und Hilfsbereitschaft. 

In diesem Bericht werde ich ausschließlich über die Zugfahrt nach Rishikesh berichten. Es gibt keine bunten Bilder und keine Beschreibung irgendwelcher Attraktionen. Diese Fahrt hat mich so bewegt, dass sie mir einen eigenen Artikel wert ist. Falls euch meine Innenansichten nicht interessieren, was ich verstehen kann, könnt ihr gleich zu meinem Artikel über Rishikesh weiterspringen.

Wie komme ich nach Rishikesh?

Nach Rishikesh kam ich von Jaisalmer nur in Etappen. Zuerst musste ich mit einem Bus 4 Stunden nach Bikaner fahren. Dort hieß es nochmal 4 Stunden am Bahnhof zu warten und dann folgte die 17-stündige Zugfahrt mit dem Nachtzug nach Rishikesh. Die Wartezeit am Bahnhof verging wie im Flug, ich nutzte dieZeit, um an meinem Blog zu arbeiten. Ich buchte das Zugticket online über die in Indien populäre Buchungsplattform Cleartrip* und war guter Dinge.

Leider ausgebucht?

Die Züge waren wieder einmal ausgebucht, ich stand also auf der Warteliste. Das war nicht ungewöhnlich, bisher hat es immer funktioniert, dass ich spätestens an Bord des Zuges ein Upgrade auf einen Schlafplatz bekommen hatte. Das war bisher so. Jetzt sollte alles anders kommen. Ich erkundigte mich noch am Bahnhof welchen Sitzplatz ich hatte, damit ich mich schon am Bahnsteig richtig einreihen konnte. Die Züge sind sehr lang und am Bahnsteig steht angeschrieben, wo der am Ticket vermerkte Wagen stehenbleiben wird. Das ist sehr praktisch, da du dich sonst durch die vollgestopften Züge durch mehrere Waggons zu deinem Sitzplatz durchkämpfen musst.

Nicht auf der Liste

Der Mitarbeiter am Bahnhof ging die ausgedruckte Liste mit den Passagieren durch und … er konnte mich nicht finden. Es stellte sich heraus, dass ich keinen freien Sitzplatz in einem Schlafwagen bekommen hatte, ich musste mir also nochmals ein Ticket für die niedrigste Zugklasse kaufen und an Bord mein Glück auf ein Upgrade versuchen. Das war neu für mich und ich war unter Zeitdruck, da der Zug in ein paar Minuten abfahren sollte. Ich stürzte mich in das Gewühl vor dem Ticketschalter und ging danach zum Bahnsteig, um in irgendeinen Waggon einzusteigen. Dann hieß es erstmals auf den Schaffner warten. Als der bei mir ankam, sich mein Ticket ansah kam die Ernüchterung.

Ab in die Holzklasse

Der Zug ist komplett ausgebucht, ich konnte kein Upgrade bekommen und musste ganz nach hinten in den letzten Waggon. Ab in die Holzklasse. Das war jetzt ein Schock, denn du musst folgendes wissen. In der letzten Klasse gibt es keine Sitzplatzreservierung. Das Ticket ist zwar unschlagbar günstig, aber man muss selbst versuchen einen freien Platz zu ergattern. Den Aufenthalt in den nächsten beiden Stationen nutzte ich, um im Zug weiter nach hinten zu kommen. Dort angekommen dann der Schock. Es war noch schlimmer als erwartet. Der Waggon war voll mit Leuten, diejenigen die keine Sitzplätze bekommen hatten, saßen am Boden oder lagen auf den Gittern der Gepäckablage. Eine Zugfahrt für ein oder zwei Stunden unter diesen Bedingungen ist vielleicht etwas unangenehm, siebzehn Stunden sind für einen Europäer ein Horrortrip.

Auf dem Boden der Tatsachen

Ich verstaute also meinen großen Rucksack auf dem letzten freien Platz der Gepäckablage, den kleineren mit meinen Wertsachen, dem Notebook und der Kameraausrüstung ließ ich wie immer direkt bei mir. Ich konnte gerade noch einen Platz auf dem, mit Staub und Nussschalen, verdreckten Zugboden ergattern. Meine indischen Mitreisenden sahen mich staunend an. Einen Europäer in der letzten Klasse gab es selten zu sehen.

Doch noch ein Sitzplatz

Nach einer Stunde erbarmte sich ein aussteigender älterer Mann und bot mir seinen Platz an. Immerhin saß ich jetzt auf der Bank. Diese war normalerweise für 4 Leute vorgesehen, mittlerweile saßen wir dort schon zu fünft. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Bei jedem Halt stiegen ungleich mehr Leute ein als aus. Es wurde immer voller. Man konnte kaum mehr den Gang aufs Klo betreten, wie es dort aussah, wollte ich mir gar nicht vorstellen. Vis-à-vis von mir schlief eine 5-köpfige Familie eng umschlungen und noch 2 weitere Leute setzen sich in Folge dazu. Mir gegenüber saß ein älterer, grimmig dreinblickender Herr und neben mir wurde es auch immer enger.

Unbehaglichkeit macht sich breit

Wenn ich sage, dass ich mich extrem unbehaglich fühlte, ist das eine schwere Untertreibung. Es sind gerade einmal zwei Stunden vergangen, also noch mindesten fünfzehn Stunden lagen vor mir, wenn es keine Verspätung gab. Die Zeit schien kein Ende zu nehmen. Mein rechter Sitznachbar meinte, ich sollte noch etwas zur Seite rücken, damit sich seine Tochter noch auf die Bank setzen konnte. Beim besten Willen konnte und wollte ich nicht mehr weiterrücken, da an der Sitzkante neben mir, bereits drei Frauen mit dem Rücken zu mir gelehnt am Boden saßen. Mein Unbehagen stieg und Aggression machte sich breit. Wie sollte ich das noch weitere fünfzehn Stunden aushalten.

Bis auf den letzten Quadratzentimeter

Aber es kam noch schlimmer, als der Sohn des grimmig dreinblickenden Herrn, der mir gegenüber saß, kam und sich grinsend am Boden genau zwischen meine Füße setzte. Ich konnte mich jetzt keinen Fingerbreit mehr bewegen. Bei jeder Station bestiegen noch mehr Leute den bereits hoffnungslos überfüllten Zug und verschärften die latente Platznot.

Auf der Gepäckablage

Zwischen den ebenfalls mit Menschen besetzten Gepäckablagegittern über den Sitzbänken hingen Ventilatoren. Da am Boden auch kein Platz mehr war, haben sich manche schon zwischen den Gittern und den Ventilatoren eingekeilt und versuchten dort zu schlafen. Dann saß da noch der grinsende Sohn meines mürrischen Gegenübers zwischen meinen Beinen. Rechts mein drängender Sitznachbar, mir gegenüber Griesgram, beide sahen mich vorwurfsvoll an. Das war zu viel für mich. Ich deutete was das sollte, mit Englisch kam ich hier nicht viel weiter. Es war kein Platz, wo sollte ich hin und ärgerlich deutete ich dem Grinsemann zwischen meinen Füßen, er sollte sich gefälligst woanders hinsetzen. Er lächelte mich nur unschuldig an und verkroch sich in seine Decke, die ihn nun komplett einhüllte. Mein Gegenüber schaute noch grimmiger und küsste seinen Sohn liebevoll auf den Kopf. Rechts neben mir strafte mich denrverächtliche Blick meines Sitznachbarn.

Nur noch 13 Stunden

Ich setzte meine Kopfhörer auf und betete, dass diese Horrorfahrt bald vorbeigehen möge. Es lagen noch weitere 13 Stunden nicht enden wollender Fahrt in erdrückender Enge vor mir. So ging das Stunde um Stunde, ab und zu stand der Grinsemann auf und kam wenig später wieder zurück. Einmal fragte er mich lächelnd an, ob ich nicht einen Chai trinken mag. Ich dachte er wollte mich verarschen. Grimmig winkte ich ab. Es war mittlerweile dermaßen eng, dass jemand mit Klaustrophobie sicher komplett ausgeflippt wäre. Viele meiner Mitreisenden schafften es, in den unglaublichsten Positionen zu schlafen. Am ärgsten fand ich die Leute, die verkeilt in den Deckenventilatoren schliefen, und bewunderte sie für ihren Gleichmut.

Wer ist das Arschloch?

Gegen morgen fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen. Ich las erst vor kurzem eine Geschichte meines Lieblingsreiseschriftstellers und bekennenden Indienfans, Helge Timmerberg. In einer seiner Geschichten, die ebenfalls von einer seiner Indienreisen handelte, ging es darum, dass es in vielen Situationen immer einen Nice Guy und ein Arschloch gab. Die Frage, die sich stellte, wer ich selbst gerade. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, offensichtlich war ich das Arschloch. Ich merkte es einfach nicht. Der von mir so verachtete Grinsemann, ich schätzte sein Alter auf ca. 30 Jahre, dürfte geistig etwa auf dem Stand eines 6-jährigen stehengeblieben sein. Sein Grinsen war nicht Zeichen meiner Verhöhnung, sondern einfach seine unschuldige Art, mit der er der ganzen Welt begegnete. Und ich hatte das in meiner Anspannung einfach nicht bemerkt. Mein grimmig dreinblickendes Gegenüber war ein fürsorglicher Vater, der seinen Sohn liebkoste. Ich wollte losheulen vor Scham.

Die Erkenntnis

Alles schien plötzlich auf mich einzustürzen. Die unglaubliche Enge, das Kommunikationsproblem, das Gefühl Fremder in einem fremden Land zu sein, die aufgestaute Aggression und die langsam herauf dämmernde Erkenntnis. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr mich diese Situation noch immer beschäftigt. Kurz vor Haridwar, nur mehr einen Katzensprung von Rishikesh entfernt, die Fahrt sollte aber noch 4 Stunden dauern, hatten wir wieder einen Halt mitten auf der Strecke. Manche Leute stiegen aus, um sich die Beine zu vertreten.

Der Kodex

Dazu muss man sagen, so voll konnte der Zug gar nicht sein, dass es so eine Art Kodex in der letzten Klasse gibt. Wenn man einen Sitzplatz ergattert hat, dann wird das allgemein akzeptiert und er wird dir auch nicht mehr streitig gemacht, möge es auch noch so eng zugehen. Das heißt wenn du mal aufstehst, um aufs Klo zu gehen, kannst du sicher sein, dass dein Sitzplatz für dich freigehalten wird. So ticken die Leute dort.

Abbitte

Ich nutze die Pause auch und stieg aus. Mir ging die ganze verworrene Situation nicht aus dem Kopf. Ich musste etwas tun. Einem vorbeikommenden Chai-Verkäufer kaufte ich zwei Becher des Süßgetränks ab, und ging reumütig zu dem bereits draußen stehenden alten Mann und seinem Sohn. Das muss man sich mal vorstellen. Ich habe ihn im Zug richtig aggressiv angegiftet und jetzt steht er mir gegenüber und lächelt mich unschuldig an. Ich gab ihm den Becher Chai, den er dankbar annahm und stellte mich neben ihn, mehr an Nähe konnte ich wegen der Sprachbarriere nicht erreichen. Ich versuchte mich bei seinem Vater zu entschuldigen, war mir aber nicht sicher ob er mich wirklich verstand. Aber egal, mir war es ein Bedürfnis und ich war danach ungeheuer erleichtert.

Erstaunliche Reaktionen

Wieder im Zug stand ich auf deutete auf den Sohn, er solle sich auf meinen Platz setzen. Er kannte sich überhaupt nicht aus, hat sich dann aber dankbar auf die Bank gesetzt, dabei aber sichtlich unwohl gefühlt. Mein Nachbar schaute ebenfalls ganz erstaunt und wollte mir kurz darauf sogar seinen Sitzplatz anbieten. Da hätte ich einfach am liebsten losgeheult vor lauter Scham, bin ich doch diesen Leuten mit Ablehnung und Aggression begegnet. Für mich waren die 200 Rupies die ich für diese Fahrt zahlen musste ein Witz, für diese Leute, die noch dazu mit der ganzen Familie unterwegs waren, war das eine Menge Geld. Und ich regte mich auf wegen Platzmangels.

Wie man in den Wald hineinruft …

Und was machen diese Leute? Sind die etwa nachtragend? Schneiden sie den unfreundlichen Europäer? Nicht die Spur. Es schien als hätte mit der Änderung meiner inneren Einstellung auf diese Situation, sich mein gesamtes Umfeld verändert. Wo ich vorher Aggression und Ablehnung verspürte, schlug mir jetzt eine Welle aus Hilfsbereitschaft, Sympathie und Verständnis entgegen. Die alte Weisheit schien hier passender denn je: Wie man in den Wald hineinruft …

Kurz vorm Ziel

Gegen Ende der Fahrt, ich hatte kein Auge zugetan, entspannte sich die Platznot allmählich. Ein paar Stationen vor Rishikesh, stiegen dann schon Pendler ein, die nach Haridwar oder Delhi weiterfahren wollten. Mit einem der neu zugestiegenen Fahrgäste kam ich ins Gespräch, er war selbst schon ein paar Mal in Europa gewesen und sprach gutes Englisch. Ich erzählte ihm von der Situation und wie es mich fertig machte, mich nicht verständigen zu können. Er meinte dazu, dass es zu Missverständnissen kommt, wenn man sich nicht versteht und ich sollte mir keinen Kopf machen. Vielleicht sollte ich das wirklich so sehen. Der alte Mann und sein Sohn stiegen schließlich aus und der Sohn verabschiedete sich noch lachend von mir.

Nie wieder

Mein Gott, was für eine Erfahrung. Ich möchte diese Fahrt und die damit verbundene Erfahrung im Nachhinein betrachtet nicht missen, so unangenehm sie für mich auch gewesen war. Möchte ich dieses Erlebnis wiederholen? Ganz sicher nicht, dazu war es einfach zu anstrengend. Aber ich habe wieder etwas für mich und meine weitere Reise gelernt. Ich wollte künftig noch offener werden, nicht hinter allem was ich nicht verstehe einen Angriff auf meine Person zu vermuten und einfach gelassener werden. Diese Bahnfahrt sollte für mich eine der eindrucksvollsten Erfahrungen in diesem Land werden. Langsam bewegte sich der Zug die letzten Kilometer auf Rishikesh zu.

 

Zugfahrt nach Rishikesh – Klaustrophopie und Selbsterkenntnis?
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Martin Wieser

der Niederösterreicher hat mit 49 Jahren seinen Job gekündigt um mal ein Jahr die Welt zu erkunden. Er beschreibt und bebildert seine Erlebnisse auf dieser Seite und will vor allem eines: deine Reiselust wecken.

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8 thoughts on “Zugfahrt nach Rishikesh – Klaustrophopie und Selbsterkenntnis?

  • 28. März 2019 at 12:57
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    Wow Martin, that sounded like a therapy train!! Faced with no end of horrifying and annoying situations and each and every one of the things that make you angry is….. once you look at it in a different prospective…….. you get a completely different picture!! Amazing and incredibly interesting what we all still have to learn about ourselves. xxxx

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    • 3. April 2019 at 9:48
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      hi Judy,
      thank you for your comment. Yes you are right, I think we all, especially me, have to learn a lot about ourselves. That´s the main reason I´m travelling.
      kind regards and a big hug
      Martin

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  • 1. April 2019 at 17:04
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    Wir können dir nur gratulieren zu deiner Ausdauer und wie du diese Situation bewältigt hast. Diese Erfahrung kommt dir sicherlich zu gute im weiteren Leben.

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  • 2. April 2019 at 14:53
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    Der Bericht ist diesmal sehr berührend und beeindruckend zugleich! Ich denke, diese Fahrt wirst du lange nicht vergessen. Aber die Erfahrung, die du dadurch gewonnen hast, kann dir auch keiner mehr nehmen! Alles Liebe, Claudia.

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    • 3. April 2019 at 0:04
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      Hi Claudia,
      danke und ja, ich werde noch sehr lange an diese Fahrt denken und das Erlebnis bestimmt nie mehr vergessen.
      GLG
      Martin

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  • 2. April 2019 at 14:59
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    Hallo Martin,

    Dr. Martin Krengel (Psychologe, Motivationsexperte und Buchautor) hat einmal gesagt: „Reisen bewegt Beine und Kopf!“

    Danke für deine tollen Berichte.

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    • 3. April 2019 at 0:06
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      Hallo Michael,

      danke für das Zitat. Besser kann man es wirklich nicht beschreiben.

      GLG
      Martin

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