Expresszug, Spießrutenlauf durch die Altstadt, Leichenverbrennung – Rücksicht auf die Familie, Selling Special Things, Sadhu Sadhu, Affen in Varanasi, Drogen in Indien

Ich war ja schon einiges gewohnt, was Zugfahrten in Indien angeht. In meiner Bahnfahrerkarriere lag ich in komfortablen Schlafwägen, etwas weniger komfortablen und auch eine extrem anstrengende 17-stündige Fahrt in der sogenannten Holzklasse hatte ich hinter mir. Den Großteil meiner Indienreise habe ich per Zug zurückgelegt. In Allahabad habe ich für die kurze Fahrt nach Varanasi einen für indische Verhältnisse einmaligen Expresszug gebucht. Und ich war echt beeindruckt. Saubere Waggons, komfortable Sitze mit jeder Menge Beinfreiheit, ein eigener Tisch für die im Preis inkludierte Mahlzeit. Wenn der Schaffner jetzt noch Safety Instructions vorgezeigt hätte, die Täuschung wäre perfekt gewesen und ich wähnte mich in der Businessklasse eines Jumbojets. Die Fahrt ist leider nur ein kurzes Vergnügen, der Zug ist wirklich schnell und damit auch pünktlich, was in Indien nicht selbstverständlich ist. Er benötigt für die kurze Strecke gerade einmal 1 ½ Stunden und ist selbst für die lokale Bevölkerung ein sensationeller Anblick. Bei der Einfahrt in den Bahnhof von Varanasi stehen viele mit dem Handy im Anschlag, um diesen „extravaganten“ Zug zu fotografieren.

Varanasi, bis vor wenigen Jahren noch Benares genannt, war für mich von Anfang an ein Fixpunkt meiner Indienreise. Die von den Hindus als heilig verehrte Stadt ist berühmt für seine Begräbniszeremonien, seine idyllische Lage am Ganges und die schrägsten Sadhus in ganz Indien. Es heißt, wer in Varanasi bestattet wird, durchbricht umgehend den Kreislauf der Wiedergeburt und kommt direkt ins Nirvana. Bilder von meditierenden Sadhus und Herden von Pilgern auf der geschäftigen Uferpromenade prägten meine Vorstellung der Stadt. Wie wird Varanasi wohl wirklich aussehen? Ich bin schon sehr gespannt.

Im Gassengewirr der Altstadt

Mein Quartier, das Shivakshi Guest Houese befindet sich unweit der Uferpromenade im engen Gassengewirr der Altstadt. Mein Taxifahrer lädt mich an der nahgelegenen Hauptstraße ab und ich muss die restlichen Meter meines Weges zu meinem Quartier, durch ein verwinkeltes Labyrinth aus engen Gassen selbst finden. Google Maps war hier auch keine große Hilfe und ich muss auf den maximal 1 ½ Meter breiten Wegen immer wieder Motorradfahrern, anderen Menschen, Hunden sowie den omnipräsenten Kühen und deren Hinterlassenschaften ausweichen. Ich buchte eines der besten Zimmer im obersten Stockwerk, durch die vergitterten Fenster kann ich direkt auf den Ganges sehen – Wahnsinnsausblick.

Kuh in der Altstadt von Varanasi

Gitter vor den Fenstern

Doch komisch, warum waren die Fenster vergittert? Zwei Sekunden später ist mir auch das klar. Affen hangeln sich über die Dächer der Altstadt, immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Kaum öffne ich das Fenster, hängt schon der erste Primat an den Gittern und bettelt um Futter. Und bald kommen noch mehr, ich zücke die Kamera und kann die Tiere ungestört fotografieren. Leider habe ich kein Affenfutter bei mir und nach kurzer Zeit erkennen die klugen Tiere, das ist eine trockene Baustelle, also sinnlos weiter zu betteln. Sie drehen ab und schwingen über die Dächer von Varanasi lohnenderen Zielen entgegen.

Vorsicht bei der Platzwahl

Auf der vollständig vergitterten Dachterrasse des Guesthouse befindet sich nicht nur das Restaurant, sie dient auch als Zwinger für die Hunde des Quartierbesitzers . Diese hinterlassen ihre Notdurft gezwungenermaßen, sie können ja nicht raus, auf dem Boden, den Tischen und den Stühlen. Es heißt also Obacht nehmen, beim hinsetzen.

Ich werde verfolgt

Da noch genügend Zeit war, gehe ich bereits am frühen Nachmittag ans Ufer und begebe mich Richtung des berühmten Manikarnika Ghat. (Ghats sind Stufen die den Zugang zum Fluss ermöglichen). Auf dem Weg dorthin habe ich eine seltsame Begegnung. Aus dem Augenwinkel heraus bemerke ich, dass mir jemand im immer gleichen Abstand folgt, immer gerade ein paar Schritt hinter mir. Als ich ihn ansehe und frage ob ich ihm helfen könne, stellt er sich vor. Er sei Sunil und will mich einfach nur begleiten. Auf meinen Hinweis, dass ich keinen Guide benötige und auch nicht dafür zahlen würde, meint er, das sei o.k., und er folgt mir weiterhin. Das ist mir jetzt etwas unheimlich.

Kuh in der Altstadt von Varanasi

Er beginnt zu erzählen, von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, und wie man an den Ghats oft abgezockt wird, wenn man sich nicht auskennt und so weiter und so fort. Das geht ziemlich lange, ohne dass ich ein Wort sagen musst. Ich halte einmal kurz am Ufer inne und beobachte die Fische im Wasser. Es gibt doch tatsächlich noch Fische in dieser giftigen Brühe. Ich dachte, da frage ich doch mal meinen Schatten, was das für Fische sind, die in den vom Industrieabwässern und Fäkalien verseuchtem Wasser überleben können. Er erklärt mir irgendetwas, das ich nicht verstehe und erzählt weiter, wie er einfach nur dafür sorgen will, dass ich mich in seiner Stadt wohl fühle und schwafelt weiter vor sich hin.

Selling special things

Verbrennungstelle Manikarnika Ghat

Manikarnika Ghat

Ich denke mir, dass muss aufhören und frage ihn direkt, was er so beruflich macht. Da drückt er plötzlich so komisch herum und schaute mich mit einem geheimnisvollen Blick an, so als ob er das noch nie jemand anderen erzählt hätte. Er verkaufe „special things“ und will nicht näher darauf eingehen. Ich bin zwar neugierig, frage aber bewußt nicht nach. Einmal abwarten und schauen wie er reagiert. Und wirklich, kurz darauf ist die Katze aus dem Sack. Er handelt mit Drogen aber nur mit speziellen Leuten, denn er will nicht mit der Polizei in Konflikt kommen. Dazu muss man wissen, Drogenbesitz und Konsum kann in Indien böse Folgen haben. Ich habe schon von Kiffern gehört, die jahrelang für ihre Drogenvergehen ins Gefängnis gegangen sind. Das ist in Indien alles andere als ein Honigschlecken. Die einzige Ausnahme vom strickten Drogenverbot sind die Sadhus. Diese können ungestört in aller Öffentlichkeit kiffen und werden von der Polizei nicht belangt. Sind ja schließlich heilige Männer und die stehen in der Tradition Shivas, dem berühmtesten Kiffer der hinduistischen Mythologie.

Sadhus in Varanasi

Und dann gibt es da noch die Berichte von Männern, die arglosen Touristen Drogen verkaufen, und diese dann umgehend bei der Polizei anzeigen. Meistens kommt derjenige dann gegen die Zahlung eines kleinen Betrages ungeschoren davon, aber wenn man Pech hat, geht es ins Gefängnis.

Sadhus in Varanasi
Sadhus in Varanasi

Schnell weg

Ich habe da so eine Ahnung, was meine ungebetene Begleitung angeht. Um nicht unhöflich zu wirken, stelle ich ihm noch ein paar Fragen über die Stadt. Daraufhin will er mir eine ganz spezielle Sehenswürdigkeit zeigen, irgendetwas mit einem Brunnen. Das ist mir dann aber zu heikel. Mit einem bestimmten, aber freundlichen: „It was nice to meet you.“, verabschiede ich mich von meinem verdutzten Begleiter und er verfolgt mich nicht weiter.

Ticket please

Dann komme ich zum Manikarnika Ghat, einer von insgesamt zwei Verbrennungsstellen für Leichname in Varanasi. Mit meiner schweren Kamera um den Hals erwecke ich in die Nähe des Ghats die Aufmerksamkeit von zwielichtigen Gestalten. Sie machen mich darauf aufmerksam, dass ich ein Ticket brauche, um die Verbrennungen zu fotografieren. Ich lehne dankend ab. Muss ja nicht unbedingt sein, ist ja doch ein sehr persönlicher Akt und ein paar Fotos aus der Ferne reichen mir allemal.

Mein zweiter Schatten

Allerdings hat sich jetzt wieder ein Schatten an meine Fersen geheftet. Als ich vom Ufer aus den Sonnenuntergang fotografieren will, drängt mich mein Aufpasser, dass ich ein Ticket zu kaufen muss. Da ich aber nicht vorhabe eine Verbrennung direkt zu fotografieren, winkte ich ab. Er erklärt mir daraufhin, dass es verboten ist hier zu fotografieren, aus Respekt vor den Angehörigen. Wenn ich aber ein Ticket kaufe dann kann ich direkt zu den Verbrennungsstätten gehen und darf sogar Fotos machen. Der Preis betrüge so etwa 1000 Rupies für 4 – 5 Fotos. Ein stolzer Preis, und dann ist die Anzahl der Fotos noch limitiert. Aber ich will ja nicht, bin aber neugierig.

Respekt vor den Angehörigen?

Auf die Frage, wie es nach dem Kauf des Tickets mit dem Respekt vor den Angehörigen aussieht, meint er, das ist okay. Einen Teil der Einnahmen bekommt eine Anstalt die alte Leute betreut, einen Teil die Betreiber des Ghats und einen Teil die Polizei!!! Daher weht also der Wind. Ein wenig Bakshish und die Polizei schaut weg. Ich lehne dankend ab. Mein Begleiter will mir aber unbedingt die Verbrennungsstätten aus der Nähe zeigen und er zerrt mich praktisch hinein. Alleine hätte ich mich da nie reingetraut. Da stehe ich jetzt also im Inneren eines kleinen Turms, dort wo die Angehörigen höherer Kasten verbrannt werden. Es ist wahnsinnig heiß neben dem Feuer und schon sehr beeindruckend. Irgendwie habe ich gar keine Lust, diese intime Zeremonie aus der Nähe zu fotografieren, es kommt mir wirklich pietätlos vor.

400 kg Holz pro Person

Dann gingen wir an der Stelle vorbei, wo das Holz für die Verbrennungen gestapelt wird. Dort darf ich gratis fotografieren. Der Holzhandel ist ein sehr gutes Geschäft für seine Betreiber, da bis zu 400 kg für die vollständige Verbrennung eines Körpers erforderlich sind, und das Brennholz ist wirklich teuer. Ärmere Leute und Leute aus niederen Kasten können sich das nicht leisten und nehmen geringere Mengen. Dadurch werden die Körper nur unvollständig verbrannt und es wimmelt im Fluss nur so von angekohlten Leichenteilen. Ich selbst sehe glücklicherweise keine, ist sicher kein schöner Anblick. Ich habe vorerst einmal genug gesehen und sage zu meinem Begleiter, dass ich mir das mit den Fotos nochmal überlegen werde und morgen nochmals vorbei käme. Habe ich aber nicht wirklich vor.

Holz für die Verbrennungen am Manikarnika Ghat in Varanasi

Zerstörte Kameraausrüstung

Und prompt will er eine Spende für seine Tätigkeit als Guide haben. Er erklärt mir nochmals, dass ich aufpassen solle wo ich Fotos mache, denn zuletzt hat ein Polizist die Kameraausrüstung eines chinesischen Touristen, der ohne Ticket Bilder gemacht hat, einfach zerstört. Drastische Maßnahmen. Ich habe meine Zweifel, was die wohltätigen Zwecke der Ticketverkäufe betraf. Vor allem die korrupte Polizei will ich nun wirklich nicht sponsern. Und das Gerede von Respekt vor den Angehörigen scheint mir ziemlich fadenscheinig.

Buntes Treiben am heiligen Fluss

Also ziehe ich weiter den Fluss entlang. Es ist schon fantastisch, was sich in Varanasi so abspielt: Halbnackte Sadhus, manche kiffen gemeinsam mit Touristen unter einem Baldachin, Gläubige baden im Fluss, Reisegruppen aus aller Herren Länder schwirren umher, dazwischen wieder Kühe, Devotionalien- und Souvenirverkäufer, Bootsvermieter und Leute die tatsächlich ihre Wäsche im Fluss waschen!!!

Ausblick von der Malviya Brücke

Ich muss schon ziemlich weit den Fluss entlanggehen, um einmal in Ruhe durchschnaufen zu können, um die vielfältigen Eindrücke einmal wirken zu lassen. In der Ferne sehe ich die Malviya Bridge, eine beeindruckende Stahlbrücke. Ich beschließe bis dorthin zu gehen. In der Mitte der Brücke genieße ich den schönen Ausblick. Auf der linken Seite des Flusses befindet sich die Altstadt von Varanasi, am gegenüberliegenden Ufer fällt der Blick auf eine Sandbank mit vereinzelten Zelten daneben ein paar Kamele, die von Touristen für ein paar Minuten zum Ausreiten geliehen werden können.

Sadhus 1. und 2. Klasse?

Hier ziemlich weit vom zentralen Geschehen entfernt, kann ich wieder erahnen, wie arm viele Leute in Indien sind. Selbst bei den Sadhus gibt es Unterschiede. Die heiligen Männer in Varanasis Zentrum wirken eher elitär, haben ihre fixen Plätze unter Planen, sie sitzen auf schönen Polstern und Teppichen, auf denen Gläubige und Touristen gegen Entrichtung einer Spende Platz nehmen dürfen. Die Sadhus, die abseits des Trubels sitzen, wirkten eindeutig ärmlicher, haben keinen fixen Platz und sind nicht so schmuck herausgeputzt wie ihre Kollegen bei den großen Ghats.

Sadhu in Varanasi
Sadhu segnet eine Pilgerin in Varanasi
Sadhus in Varanasi

Showtime

Am Abend finde ich mich am Dashashwamedh Ghat gemeinsam mit vielen hunderten Besuchern ein, um die berühmten Ganga Aartis zu betrachten. Die Ganga Aartis sind eine aufwändige Show, die jeden Abend zur Dämmerung ab ca. 7 Uhr abends beginnt und ungefähr eine Stunde dauert. Eine große Menschenmenge begibt sich allabendlich zum Flussufer, um dieses Spektakel zu bestaunen. Für einen Sitzplatz muss man mindestens eine halb Stunde früher vor Ort sein. Eine andere Möglichkeit dieses Ereignis zu bewundern ist, sich einen teuren Platz auf einem der Boot zu besorgen, die das Flussufer belagern. Es ist ein wirklich sehr beeindruckendes und farbenprächtiges Spektakel mit Gesangs- und Tanzeinlagen und großartigen Beleuchtungseffekten. Es erinnert ein wenig an eine Las Vegas Show, nur eben auf Hindi. Anbei ein Video dazu, welches ich auf Youtube gefunden habe, damit ihr einen Eindruck von dem Fest bekommt:

Varanasi bei Nacht
Ganga Artii in Varanasi
Die Show begeistert
zahlreiches Publikum bei den Ganga Aartis in Varanasi
Ganga Aartii in Varanasi
Ganga Aarti

Mit dem Ruderboot am Ganges

Für den nächsten Morgen miete ich frühmorgens für eine Stunde ein Boot um die Morgenstimmung am Fluss mit der Kamera einzufangen. Ein alter Mann bringt mich in seinem Ruderboot zuerst über den Fluss. Auf der Sandbank ist schon viel los. Gruppen finden sich zum Gebet, einige Gläubige nehmen die ersten rituellen Bäder des Tages, und Verkaufsstände werden aufgebaut. Dann geht es noch zur Verbrennungsstätte wo ich ungeschoren ein paar Bilder aus der Distanz machen kann.

Varanasi am Morgen im Boot
Ruderboot am Ganges
Morgendliches Bad im Ganges in Varanasi
Varanasi am Morgen

Am Nachmittag treibe ich mich in der Stadt abseits des Flusses herum und lasse die engen Gassen der Altstadt auf mich wirken. Varanasi ist für mich persönlich eine der beeindruckendsten aber auch gleichzeitig schmutzigsten Städte meiner ganzen Indienreise.

Nachmittags heißt es dann aufbrechen und ich verlasse die Stadt der Toten. Die letzte Station meiner Indienreise, das 680 km entfernte Kalkutta erwartet mich.

Varanasi – die heilige Stadt am Ganges
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Martin Wieser

Ich bin Martin. Im zarten Alter von 49 Jahren habe ich beschlossen eine Auszeit zu nehmen, meinen Job gekündigt um mal ein Jahr die Welt zu erkunden. In meinem Blog beschreibe und bebildere ich meine Erlebnisse. Und ich habe eine Mission: deine Reiselust zu wecken.

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