Von den Beatles, Raftingtouren, Sadhus, Yogatourismus, Erleuchtung leicht gemacht und unerhofften Weisheiten

Die letzten Kilometer auf dem Weg nach Rishikesh war ich fast allein im Zug. Welch angenehme Abwechslung nach dem Gedränge die Nacht davor. Es sind noch 3 junge Inder in Haridwar eingestiegen. Jungs aus der näheren Umgebung die sich einmal Rishikesh anschauen wollten. Wir kamen ins Gespräch. Sie machten ein paar Selfies mit mir und dann plauderten wir ein wenig über Rishikesh und was es sonst noch Interessantes zu sehen gäbe.

Kumbh Mela

Dann fielen auf einmal die Worte Kumbh Mela und da wurde ich hellhörig. Hatte ich doch schon im Vorfeld daheim einmal ein Video über dieses gigantische Fest gelesen wo in einem Zeitraum von 3 Monaten die größte Party der Welt, mit fast 30 Millionen Teilnehmern stattfand. Dieses Jahr war es wieder soweit und das Fest fand diesmal gerade jetzt in Allahabad statt. Das lag fast auf meiner Route, nur wenige Kilometer von Varanasi entfernt. Kurz gesagt, der Plan dieses Fest zu besuchen stand fest. Aber erst einmal war Rishikesh angesagt.

Prominente Gäste

Viel habe ich schon über dieses Mekka aller Yogis und Yoginis gehört und gelesen. Rishikesh gilt mit ca. 70.000 Einwohnern als eher kleine Stadt und liegt knapp unter 400 m Seehöhe, in den Ausläufern des Himalayagebirges, 225 km nördlich der Hauptstadt Delhi. Zahlreiche Touristen, sowohl aus Indien als auch aus dem Ausland besuchen jährlich die als heilig geltende Stadt mit ihren zahlreichen historischen aber auch neuen Ashrams. Im Westen wurde der Ort berühmt als in den 60ern die Beatles, Donovan und die Beach Boys hier einige Zeit im Maharischi Ashram verbrachten, dazu später mehr. Seither sind unzählige Pilger auf der Suche nach Erleuchtung in das idyllische gelegene Rishikesh gepilgert.

Welcome to Yoga Disneyland

Das erste, das ich in Rishikesh zu Gesicht bekommen sollte war aber keinesfalls ein Sadhu, ein sogenannter Suchender, als heilig geltender Mann, die es hier eigentlich zu Hauf geben sollte. Es war auch kein Tempel oder etwa ein Ashram. Nein, es waren unzählige bunte Raftingboote die an den Ufern des Ganges aufgereiht lagen, die mir sofort ins Auge stachen. Kurz darauf sah ich auch schon die ersten Boote in voller Fahrt unter lautem Gejohle der Insassen den Fluss hinabbrausen. „Welcome to Yoga Disneyland“ schien das Motto zu sein und der Eindruck sollte sich noch verfestigen. Es waren vor allem Inder, die dieses Naturerlebnis am heiligen Fluss suchten. Die westlichen Besucher drängten sich in Rishikesh in den Cafés und natürlich in den zahlreichen Ashrams der Stadt.

Bob Marley oder Ghandi

Es war gar nicht so leicht ein Quartier zu bekommen, da momentan noch High Season war. Fast alle Hostels und Hotels waren ausgebucht. Mein Quartier, das Sunflower Hostel befand sich in unmittelbarer Nähe zur Laxman Jhula, einer der wenigen Brücken die beide Gangesufer miteinander verbindet. Der langhaarige Mann an der Rezeption, Sheetal, sah aus wie eine Mischung aus Bob Marley und Ghandi. Er begrüßte mich freundlich mit Namaste und dem Beisatz „Peace Brother“. Mich hat es innerlich vor Lachen gekrümmt, spielte aber mit und verneigte mich mit einem laut vernehmbaren Namaste vor meinem Host.

Heilig oder Scheinheilig?

Bei der Erkundung der Stadt stieß ich, wie überall in Indien, auf unzählige heilige Kühe, die natürlich ihre Spuren auf den Straßen und Wegen hinterließen, sowie die ersten Sadhus. Sadhus, sogenannte Wahrheitssuchende sind in der ganzen Stadt zu finden und gerne bereit sich fotografieren zu lassen. Gegen eine kleine Spende natürlich, denn auch die Wahrheitssuchenden brauchen Geld für ihren Lebensunterhalt. Sie schienen auch schon sehr geübt zu sein im Umgang mit den fotografierenden Touristen, denn kaum kam ich mit der Kamera in ihre Nähe, nahmen Sie wie auf Knopfdruck eine heilige Position ein. Also Schneidersitz, Hände auf den Knien zum Chin Mudra gefaltet und natürlich die Augen in heiliger Transzendentation geschlossen. Die vorher im Chin Mudra gefalteten Hände öffneten sich nach erfolgtem Auslöserklickgeräusch blitzschnell in die „Give me Bakschisch“ Haltung. Herrliches Spiel.

Wahre Meister

Ich möchte jetzt nicht zu zynisch klingen, aber ich meine, wenn man auf wirkliche echte Sadhus treffen will, wird man diese wahrscheinlich nicht oder zumindest nicht so leicht an den sogenannten, heiligen Orten wie Rishikesh oder Varanasi finden. Da musst man wahrscheinlich den beschwerlichen Weg gehen, und im nicht erschlossenen Dschungel Südindiens oder schwer zugänglichen Höhlen im Himalayagebiet auf die Suche gehen. Ein wirklicher Yogi lebt mindestens 10 Jahre bei einem Meister, bevor er selbst die ersten Schüler unterrichtet. Aber gut, soviel Zeit haben die Besucher von Rishikesh nicht. Die Heiligen denen du hier begegnen wirst, fallen eher in die Kategorie scheinheilig.

Erleuchtung in 7 Tagen

Ich entdecke einige Plakate. Das Angebot ist gewaltig. Yogagrößen, ja auch das gibt es, aus Indien und aller Welt, bieten an, ihr wertvolles Wissen in Satsangs, so nennt man diese spirituellen Zusammenkünfte, weiterzugeben. Auch sogenannte Erleuchtete bieten auf Plakaten an, Ihr Wissen an willige Schüler weiterzugeben. Ich habe auch von Kursen gehört, wo Erleuchtung in nur sieben Tagen erreicht werden kann. Das hätte mich wirklich stark interessiert, aber leider ließ das mein mittlerweile knappes Zeitbudget nicht zu. Die Erleuchtung muss also noch warten.

Fixed by government

Ich dachte, dass es eine gute Idee wäre, mit dem Mofa die Gegend zu erkunden und musste feststellen, dass die indische Regierung das touristische Potential dieser Gegend bereits für sich entdeckt hatte. Mofas die man sonst im Land für 350 Rupies pro Tag bekommt, kriegt man in der heiligen Stadt nicht unter 500. Das hat die Regierung so vorgeschrieben und verdient natürlich ordentlich mit.

Mit dem Mofa unterwegs

Auf meiner Fahrt den Fluss entlang traf ich dann bei einem Fotostopp Bob aus Kanada. Der Anfangsechziger war viel interessanter als die Sadhus in der Stadt. Er war gerade zu Fuß unterwegs zu einem Wasserfall und da mich der auch interessierte, ließ ich ihn auf meinem Roller aufsteigen und wir fuhren die 2 km gemeinsam zu dieser Naturattraktion. Bob war ein ehemaliger Manager bei Sun Microsystems, der schon vor 10 Jahren aus dem Berufsleben ausgestiegen ist und sich, umtriebig wie er war, mehrere Standbeine aufgebaut hatte. Vom Teilzeitmaurer bis zum Immobilienvermittler und -gutachter hat er so ziemlich alles gemacht, und dabei hat ihm seine Managementerfahrung bei dem großen IT Konzern natürlich sehr geholfen.

Be honest and be humble

Ich erzählte ihm von meiner bisherigen Reise, und auch dem traumatischen Erlebnis im Zug nach Rishikesh und er gab mir einen Spruch mit auf den Weg, der nicht besser zu meiner Situation passen konnte. „Be honest and be humble.“ Also „Sei ehrlich und demütig.“ Dann kannst du mit vielen Situationen besser umgehen. Was brauche ich einen Guru, wenn ich Bob aus Vancouver an meiner Seite habe. Beim Aufstieg kamen uns Bauarbeiter mit einer Eselskarawane entgegen, die neben Baumaterial auch den einen oder anderen, nicht ganz so fitten Touristen, gegen Bezahlung den kurzen Weg zum Wasserfall hinaufbrachten.

Ganga Beach

Auf dem Rückweg in die Stadt blieb ich noch beim Ganga Beach stehen und verabschiedete mich von Bob. Am Sandstrand des Gangesufers saßen einige westliche Besucher, Frauen in Bikinis und Männer mit kurzen Hosen, teils in Meditationspose, verzückt Richtung Fluss blickend.

Beatles Ashram

Eines meiner Ziele war dann noch der am Anfang des Berichts erwähnte Beatles Ashram. Inspiriert durch die spirituelle Umgebung am Ganges sollen die Fab Four hier nicht weniger als 50 Songs geschrieben haben, wobei die meisten auf dem Weißen Album zu finden sind. Dass die Beziehung der Beatles zu ihrem Yogameister gar nicht so ungetrübt war, wissen heute die wenigsten. Der Selbsternannte Guru Maharishi, der auch als Erfinder der transzendentalen Mediation bekannt ist, lockte mit seinen Lehren die Beatles in seinen Ashram.

Erste Zweifel

Ringo Stars Frau, die ebenfalls mitgekommen war, fand nach kurzer Zeit die Spinnen und Käfer, die im Dschungel omnipräsent sind, sowie den hygienischen Notstand in den Unterkünften unerträglich, worauf hin beide nach 2 Wochen wieder abreisten. Mit der offiziellen Begründung, sich um ihre Kinder kümmern zu müssen.

Warum ist nur der Eintritt so teuer?

Aber auch Paul McCartney verließ den Ashram nach gerade einmal einem Monat, er meinte aber, dass es ihm dort gut gefallen hätte und er sich spirituell bereichert fühlte.

Tantiemen an den Guru

Nach nur 2 Monaten verließen John Lennon und George Harrison fluchtartig den Ashram, nachdem der sogenannte Guru begann, finanzielle Forderungen zu stellen. Bis zu 25 % ihrer nächsten Platteneinkünfte sollten sie an ihren spirituellen Führer abgeben. Damit hatte er wohl eindeutig den Bogen überspannt und ein paar prominente Anhänger vergrault.

Verfall und Wiederaufbau

Einige Jahre nachdem die Beatles abgereist waren, gab Maharischi den Ashram auf. Es gab auch Missbrauchs- und Belästigungsvorwürfe. Metoo gab es zwar noch nicht, aber dieses Verhalten galt bereits damals nicht als Zeichen spiritueller Reife und eines Gurus eher unwürdig. Die Gebäude verfielen und der Dschungel holte sich das Gebiet wieder zurück. Trotzdem pilgerten viele Fans über die Jahre zu dem Ort, wo ihre Idole einige Zeit in spiritueller Einkehr verbrachten. Die lokale Forstbehörde sperrte das Gebiet ab. Offiziell aus Sicherheitsgründen. In Wahrheit konnte jeder, der 50 Rupies Bakschisch bezahlte, das Gelände betreten. Viele Graffitis aus dieser Zeit sind noch heute gut erhalten. 2015 entdeckte die indische Regierung den verfallenden Ashram als Einnahmequelle für sich und begann das Gelände einzuzäunen und sanft zu restaurieren. Westliche Besucher werden mit Eintrittspreisen von 600 Rupies zur Kasse gebeten, wenn Sie den Ashram von innen sehen wollen. Ich entschied mich dagegen, machte ein paar Bilder von den Außenanlagen und fuhr in weitem Bogen in die Stadt zurück.

Beatles Ashram

Wie komme ich zur Kumbh Mela?

Ich musste noch meine Weiterreise organisieren und sucht dazu ein Reisebüro auf. Was ich auf gar keinen Fall mehr wollte, war eine Zugreise wie zuletzt. Ich bekam gegen eine doch beträchtliche Aufzahlung auf den Ticketpreis eine Garantie für einen klimatisierten Schlafwagen nach Allahabad und ein Expresszugticket für die Weiterfahrt nach Varanasi. Von Varanasi an, war es aber nicht mehr möglich eine fixe Reservierung für Kalkukutta zu bekommen, meiner letzten Station in Indien. Der Travel Agent meinte, dass es da eine Methode gibt, die immer funktioniert. Gespannt folgte ich seinen Ausführungen: Wenn es an Bord des Zuges heißt, alles wäre ausverkauft, sollte man ihn nur fragen, ob er einem nicht den Weg zu den Toiletten zeigen kann. Das ist ein Code für, dort gibt es dann Bakschisch. Und oh Wunder, es findet sich doch noch ein Platz in der gewünschten Zugkategorie. Wenn ich das nur schon vorher gewusst hätte.

Feuchtes Hotelzimmer

Da der Zug jetzt einen Tag später abfuhr, als ursprünglich geplant, musste ich meinen Aufenthalt um eine Nacht verlängern. Das war jetzt gar nicht so einfach, da ja gerade Hochsaison war. Mein Host, BobMarleyGhandi, hat sich in den Nachbarhotels erkundigt und konnte noch ein Zimmer für mich ausfindig machen. Ich habe nur kurz hineingesehen, es roch etwas muffig, aber was soll es, für eine Nacht wird es schon gehen. Hätte ich nur etwas genauer hingesehen. Beim zu Bett gehen erwies sich der Raum als das feuchteste Loch, dass ich während meiner ganzen Indienreise bewohnen durfte. Der Raum war zwar teilweise mit Holzplatten ausgetäfelt, aber überall darüber zeugten üppige Wasserflecken vom hohen Feuchtigkeitsgehalt in den Wänden. Das hatte zur Folge, dass alles, was sich längere Zeit in diesem Raum befand, einen durchdringenden Modergeruch annahm. Ich zückte meinen Innenschlafsack und konnte wider Erwarten doch einigermaßen gut schlafen. Mein Nachtgewand und den Innenschlafsack hätte ich am nächsten Tag am liebsten verbrannt, so ekelhaft hat das gerochen. Es benötigte volle 2 Waschgänge um diesen Geruch aus den Textilien wieder rauszubekommen. Wieder mal eine Erfahrung gesammelt.

Ruhe im Shalom Hostel

Ich schlenderte durch die Stadt, ging mehrmals über die Laxman Brücke, wo freche Affen von Touristen gefüttert wurden oder ihnen einfach das Essen klauten. Immer wieder fuhren auch Motorräder über die schmale, knapp 1 ½ Meter breite Hängebrücke und drängten die Fußgänger an den Rand. Das gibt es auch nur in Indien.

Ich tauchte in das heilige Gewusel der kleinen Stadt, bis es zu regnen begann. Auf der Suche nach einem trockenen Zufluchtsort, mein feuchtes Zimmer war keine Option, entdeckte ich eine kleine Oase in der Stadt, das Café des Shalom Hostels. Dieses chillige Lokal besaß Fenster mit Ausblick auf den Ganges und ich verbrachte dort den ganzen restlichen Tag. Herrlich, nur um zu Essen, zu chillen, die westlichen Yog(in)is zu beobachten und an meinem Blog zu arbeiten.

Am späten Nachmittag verließ ich die heilige Stadt am Ganges und begab mich voller Vorfreude zum größten Fest des ganzen Planeten, ein paar hundert Kilometer weiter Fluss abwärts, nach Allahabad zur Kumbh Mela.

Rishikesh – die Yoga Hauptstadt
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Martin Wieser

Ich bin Martin. Im zarten Alter von 49 Jahren habe ich beschlossen eine Auszeit zu nehmen, meinen Job gekündigt um mal ein Jahr die Welt zu erkunden. In meinem Blog beschreibe und bebildere ich meine Erlebnisse. Und ich habe eine Mission: deine Reiselust zu wecken.

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