Folklore abseits der Touristenpfade?


Mein werter Zimmervermieter Charles teilte mir doch just in dem Moment meiner Abreise ins Sivanandazentrum nebenbei mit, dass in 5 Tagen das jährliche Piercingfestival im Panathura Tempel, unweit von Kovalam, stattfinden wird. Oh mein Gott. Er zeigte mir schon selbstgedrehte Videos von dem Fest und meinte, das findet immer nur einmal im Jahr statt, er wußte jetzt aber nicht wann genau. Er würde sich erkundigen und mir Bescheid geben. Ich plante eigentlich nach meinem Ashramaufenthalt direkt nach Madurai weiterzufahren, und jetzt das. Mir blieb keine andere Wahl, der Fotograf in mir machte unmissverständlich klar, wie hier die Prioritäten zu setzen sind.

Also nach dem Ashram ging es sofort zurück nach Kovalam ins Vedic Heritage Boutique Hotel zu Charles, der mich mit einem süffisanten „welcome home“ begrüßte. Und es war wirklich so etwas wie heimkommen. Abends sind wir immer lang zusammengesessen, haben über Gott und die Welt geplaudert und dabei meinen im Flachmann importierten 23 Jahre alten Zacapa Rum gemeinsam, schrittweise seiner wahren Bestimmung zugeführt (wo krieg ich hier bloß Nachschub her???!!!).

Wieder daheim

Da war ich also wieder, bezog das Deluxe Einzelzimmer im dritten Stock und ging gleich einmal an den Strand, um mich ein wenig abzukühlen und bis zum Abendessen zu chillen. Als ich am übernächsten Tag frohgemut zum Festival aufbrechen wollte, saß Charles an der Rezeption und meinte zerknirscht, es sei ihm sehr peinlich, aber das mit Spannung erwartete Ereignis fände erst am nächsten Tag statt. Seine Angestellte hat ihn falsch informiert. Da das Fest am Vormittag begann und mein Zug nach Madurai erst am späten Nachmittag losfuhr, war ich aber noch auf der sicheren Seite. Macht nix, dachte ich und ging halt ins nah gelegene Fischerdorf und versuchte dort mein Glück.

Alternativprogramm

Es war aber schon relativ spät am Tag und die Lichtverhältnisse zum Fotografieren waren demnach nicht optimal, so erkundete ich halt mal die Location. Nach einem 20-minütigen Marsch in brütender Hitze und mit voller Fotoausrüstung am Buckel, erreichte ich den Fischerstrand von Kovalam. Wie gesagt, die Lichtverhältnisse waren nicht optimal, doch aus dem Augenwinkel erspähte ich einen alten Mann, der sich gerade hinter aufgestapelten Fischernetzen unter einem schattenspendenden Wellblechdach, für einen Vormittagssnack niederlies. Ein genialer Charakterkopf der auch nichts dagegen hatte fotografiert zu werden. Der Vormittag war gerettet.

Fischer aus Kovalam

Wo geht es hier zum Festival?

Am nächsten Tag ging ich sicherheitshalber nochmal bei Charles vorbei und fragte schmunzelnd ob das Fest jetzt eh wirklich stattfindet, oder ob es schon wieder zu einer Verschiebung gekommen sei (grummel, grummel, zwinker, zwinker). Nein, jetzt sei es wirklich soweit, meinte er lachend. Dann ging ich die Straße rauf, zeigte dem herbeigerufenen Rikschafahrer den Zettel mit dem Tempelnamen, handelte den Preis aus, los ging´s. Er führte mich zu einem Tempel, sagte der heiße zwar jetzt anders, aber Panathura sei der alte Name und wir sind da. O.K., ich bedankte mich und zahlte den vereinbarten Preis.

Da ich ja ein wenig früher dran war, war ich auch nicht misstrauisch, dass so überhaupt nichts los war in und um den Tempel. Schließlich fragte ich ein paar Jungs, die in der Nähe rumsaßen ob das hier der richtige Tempel sei, und die schauten gleich am Smartphone nach und meinten, ich müsste noch 2 km weiterfahren. Na toll, jetzt war es mit der Zeit schon knapp, und ich war am falschen Ort. Also nochmal Rikschafahrer gerufen, Preis verhandelt (ganz wichtig, immer vorher), zuviel gezahlt aber egal, ich musste zu diesem Tempel, und zwar schnell.

die Prozession beginnt

Schon auf der Fahrt dorthin merkte ich, dass ich hier richtig war. Überall am Straßenrand waren Stände mit unterschiedlichstem Klimbim, Snacks und Getränken aufgebaut. Indische Musik welche aus riesigen Lautsprecherwänden dröhnte, verbreitete einen Höllenlärm. Nach dem Aussteigen dann gleich einen in der Nähe stehenden Polizisten gefragt, aus welcher Richtung die Prozession kommen würde und schon ging es los. Punktlandung.

Thaipusam – der Kampf von Lord Muruga : Der offizielle Name des Festivals ist Thaipusam und der Brauch kommt ursprünglich aus dem benachbarten Tamil Nadu. Das Fest wird überall dort gefeiert, wo es eine starke tamilische Gemeinde gibt. In Indien in den Bundestaaten Kerala, Karnataka und Andhra Pradesh. Ausserhalb Indiens findet man ähnliche Bräuche in Malaysia, Indonesien, Südafrika, Singapur und Sri Lanka.

Der Legende nach gab die Göttin Parvati ihrem Sohn Lord Muruga eine unsichtbare Lanze um damit Tarakasuran und andere Dämonen zu vernichten, welche gerade dabei waren die Erde zu zerstören. Das Fest wird heute gefeiert, um an den Triumph des Guten über das Böse zu erinnern, außerdem soll das auch Murugas Geburtstag sein. Thaipusam wird am Vollmond im Jänner oder Februar jeden Jahres gefeiert.

Das Fest, das ich besuchte, gab nur einen kleinen Einblick in das Piercingritual. Mit langen, silbernen Stangen durchbohrte man „nur“ die Wangen von Kindern ab 7 und Jugendlichen bis ca. 20 Jahren. Es gibt aber auch Zeremonien, wo den Probanden silberne Haken in den Rücken gebohrt werden. Auf diesen werden sie dann mehrere Meter über den Boden hochgezogen.

Das beeindruckende an dem Ritual war, dass dabei im Normalfall kein Blut fließt. Die Teilnehmer werden dazu wochenlang in speziellen Riten und mit einer strengen Diät auf das Zeremoniell vorbereitet. Wie in Trance kamen die ersten Teilnehmer, begleitet von einem höllischen Trommelwirbel, von ihren Familien und Verwandten die Prozessionsstraße zu dem eigentlich nicht sonderlich aufregenden Tempelgebäude. Ein paar bunt angemalte halbhohe Betonwände und ein paar Statuen im Inneren, sonst nichts. Meine Kamerarbeit erachtete man hierbei nicht als störend , im Gegenteil. Immer wieder forderte man mich auf, Fotos vom Ritual zu machen.

Was mich ein wenig verwunderte, ich war der einzige Ausländer auf dem Fest und Kovalam mit seinen zahlreichen Gästen aus aller Welt, war gerademal 4 Kilometer entfernt.

Darf ich da überhaupt rein?

Ziemlich unschlüssig stand ich vor den Tempeltoren und fragte mich, durfte ich da jetzt rein oder nicht? Ich hatte schon öfter den Hinweis erhalten, dass es sorgar unerwünscht sei, von außen ins Tempelinnere hinein zu fotografieren. In viele Tempel dürfen Nichthindus gar nicht rein. Also was tun. Ein paar freundliche Burschen erkannten meine Verzagtheit und erklärten mir freundlich, wie das so ablaufen sollte. Also erst mal Sandalen ausziehen und das T-Shirt!!!! Männer dürfen nur mit nacktem Oberkörper ins Tempelgelände rein. Und ganz wichtig, Menschen durfte ich fotografieren, Götterstatuen oder heilige Symbole nicht. O.k. das kriegte ich hin. Jetzt war ich drin und merkte, dass da eigentlich nichts Großartiges passierte.


Ein blutiges, schmerzvolles Ritual?

Nach 10 Minute verlies ich den Tempel und musste entsetzt feststellen, dass das eigentliche Ritual bereits begonnen hatte. Fast sämtliche Teilnehmer wurden schon von einem Spezialisten gepierct. Es war erstaunlich, mit den ca. 1 ½ Meter langen Stangen tanzten viele wie in Trance um den Tempel herum. Und dann wurden die Stangen wieder entfernt, fachmännisch vom Spezialisten herausgezogen und die Wangen mit einem speziellen Pulver bestäubt, fertig. Faszinierend, es floss kein Blut. Bis auf zwei Ausnahmen, die doch ein wenig bluteten. Und es bleiben, wie bereits erwähnt, angeblich keine Narben zurück.

Nach 2 Stunden war der Spuk vorbei. Tief beeindruckt und reich beschenkt mit Bildmaterial verliess ich den Ort Richtung Kovalam, um meine Abreise vorzubereiten. Auf der Suche nach einem Taxi/Rikscha hatte ich dann noch ein nettes Erlebnis, das den Ärger über die Erste Rikschafahrt wieder wettmachte. Ein Motorradfahrer blieb stehen und fragte, wo ich hinwill und ob er mich mitnehmen könnte. So kriegte ich noch einen Gratistransport zum Hotel. Irgendwie so als ausgleichende Gerechtigkeit. Am Abend gab es dann noch als Abschluss des Festes einen rituellen Lauf über glühende Kohlen, da saß ich aber schon im Zug nach Madurei.

Netter Motorradfahrer auf seiner KTM

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Piercing Festival – Kovalam
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Martin Wieser

Ich bin Martin. Im zarten Alter von 49 Jahren habe ich beschlossen eine Auszeit zu nehmen, meinen Job gekündigt um mal ein Jahr die Welt zu erkunden. In meinem Blog beschreibe und bebildere ich meine Erlebnisse. Und ich habe eine Mission: deine Reiselust zu wecken.

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2 thoughts on “Piercing Festival – Kovalam

  • 30. Jänner 2019 at 10:29
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    Lieber Martin,
    wir haben in Indien (Heimkehr 6.1.) „Old Monk“ getrunken. Das ist indischer Rum, der preisgünstig und absolut trinkbar ist. Es gibt ihn höchst preisgünstig in ganz Indien. Ist sicher einen Versuch wert. Volkmar ist nämlich auch ein Rum-Liebhaber.
    Sehr spannende Berichte! Hab eine schöne Zeit.
    Liebe Grüße,
    Birgit

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    • 30. Jänner 2019 at 12:44
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      Vielen Dank Birgit, ich bin ja auch bald Richtung Norden unterwegs und schon sehr gespannt was mich dort erwarten wird. Danke auch für den Rumtip, Mal schauen wo ich den alten Mönch herkriege 😀😎 GLG Martin

      Reply

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