Ich verbrachte wieder einmal eine Nacht im Zug und kam relativ ausgeschlafen frühmorgens in Mumbai an. Bei der Taxifahrt zu meinem Quartier bekam ich schon einen ersten Eindruck dieser gerade aus dem Schlaf erwachenden Stadt und ihrer Gegensätze. Mumbai, ehemals Bombay ist ein riesiges Konglomerat aus weitläufigen Slums, unzähligen Wolkenkratzern, Tempeln und Überresten der alten, britischen Kolonialvergangenheit. Im Hotel angekommen, merkte ich, dass ich doch nicht so gut organisiert war, wie gedacht. Ich hatte das Quartier erst für den nächsten Tag reserviert. Das Hotel war noch dazu ausgebucht. Die Leute vom Elphinstone Hotel waren aber sehr hilfsbereit und haben mir umgehend für einen Tag ein Ersatzquartier besorgt. Dieses befand sich in unmittelbarer Nähe des historischen Bahnhofs Victoria Station,.

Victoria Station
Victoria Station
Victoria Station bei Nacht, Mumbai
Victoria Station bei Nacht

Menschenmassen am Bahnhof

Dass es in Indien nicht besonders leise und eher gedrängt zugeht, war mir mittlerweile bekannt. Mumbai stellte aber alles bisher erlebte bezüglich Geräuschentwicklung und Menschenmassen in den Schatten. Am Bahnhof suchte ich den speziellen Touristenschalter, um gleich ein Ticket für die Weiterfahrt nach Jodhpur zu buchen. Genau zu diesem Zeitpunkt kam ein ziemlich langer Zug in der Station an und ein paar Sekunden später war der vorher leere Bahnsteig und die Vorhalle mit Menschenmassen überflutet.

Kurz vor der Ankunft …
… 10 Sekunden später

Verkehrschaos

Vor der Station erlebte ich dann ein Verkehrschaos, wie ich es bislang noch nicht gesehen hatte. Im Kreisverkehr schoben sich gleichzeitig tausende Menschen und Fahrzeuge über den Platz. Verkehrsregeln und das Ampelsystem schienen außer Kraft gesetzt. Ich sah sogar wie die Autos Fussgänger im Schrittempo einfach zur Seite geschoben haben. Dazu muss man sich noch die Synfonie von tausenden gleichzeitig im Dauerton erklingenden Auto- und Rikschahupen vorstellen. Der Geruch der schweren, ungefilterten Auspuffgase rundete das Szenario ab.

Mumbai is upgrading

Eigentlich unvorstellbar, dass es in einer Stadt mit fast 30 Mio Einwohnern (inkl. Umland) keine U-Bahn gibt. Seit 2014 gibt es immerhin eine Linie mit läppischen 11,4 km Länge. Am Vollausbau wird mit Hochdruck gearbeitet. Bis 2021 soll es dann statt bisher 12 insgesamt 58 Stationen geben, die das höllische Verkehrschaos entschärfen sollen. Überall wird schon mit dem Slogan „Mumbai is upgrading“ für die neue U-Bahn geworben. Die Bauarbeiten mit ihren vielen Baustellen verschärfen aber momentan noch das Verkehrsproblem in der Stadt.

Co-Workingspace

Beim Erkunden der Umgebung hatte ich ein nettes Erlebnis. Gerade als ich meine Kamera auspackte, sprach mich Marlies an. Die Niederländerin betreibt gleich ums Eck einen Co-Workingspace. Sie fragte mich, ob ich Lust hätte ihn mir anzusehen und einen Espresso zu trinken. Alleine die Aussicht auf Espresso hätte schon gereicht, um mich überall hin zu locken. Beim Gespräch in den extrem schönen Räumlichkeiten erzählte sie mir ihre Geschichte. Sie kam schon seit Jahrzehnten immer wieder nach Mumbai, weil sie diese Stadt so faszinierte. Eines Tages hatte sie dann die zündende Idee, hier ein Startup zu gründen.

Marlies, Inhaberin eines Co-Working Spaces

Dazu muss man wissen, das Mumbai, was die Grundstückspreise betrifft, mittlerweile zu den teuersten Städten der Welt gehört. Zahlreiche gut ausgebildete Fachkräfte und Selbstständige sind, angezogen von der guten Infrastruktur und lukrativen Jobangeboten in die Stadt gekommen. Viele von ihnen sind auf der Suche nach erschwinglichen Büroräumlicheiten, die mittlerweile jedoch kaum noch zu finden sind. Marlies mietete deshalb ein Stockwerk in bester Innenstadtlage. Sie stattete die Räumlichkeiten mit modernen Büromöbeln, einer guten Internetanbindung und Wifi aus. Sie integrierte Büro- und Konferenz- und Freizeiträume inkl. eines Cafes und fertig war der Co-Workingspace.

Heute kann man sich dort relativ günstig pauschal einmieten und in angenehmer Atmosphäre die Räumlichkeiten nutzen. Ich selbst habe dann auch noch mein Notebook gezückt um ein wenig an meinem Blog zu arbeiten. Bevor ich ging gab mir Marlies noch ein paar Sightseeing Tips mit auf den Weg.

Colaba

Ich ließ das rege Treiben um die Victoria Station hinter mir und ging in Richtung Süden, in das Viertel Colaba.

Schüler vor dem Prince of Whales Museum, Mumbai
Schüler vor dem Prince of Whales Museum

Dort findet man historische sehenswerte Gebäude wie das Prince of Wales Museum. Ausgestellt sind hier hauptsächlich Artefakte aus Indiens Geschichte, von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Wenn man das gesamte Gebäude inkl. der Sonderausstellungen besichtigen will, sollte man ca 2 ½ Stunden einplanen. Optional kann man einen Audioguide ausleihen, der sogar in deutscher Sprache durchs Museum führt.

Gate of India und Taj Mahal Palace

Wenn man sich an den Essenständen und kleinen Geschäften der Innenstadt vorbeigearbeitet hat, kommt man zum Gate of India. Dieser große Triumphbogen am Hafen wurde anlässlich des ersten Besuchs eines englischen Königs in Indien errichtet. Gleich gegenüber befindet sich eines der exklusivsten Hotels der Welt, das Taj Mahal Palace. Es wurde im Auftrag des indischen Großindustriellen Jamshedji Tata im Jahre 1903 aus Trotz errichtet. Da ihm die englische Elite der damaligen Zeit als Nichtweissen den Zugang zum besten Haus am Platz verwehrten, baute er sich halt sein eigenes Hotel. Dieses stellte damals alle anderen Luxushotels bezüglich Ausstattung und Prunk in den Schatten. Eine subtile Art Rache zu nehmen, das nötige Kleingeld vorausgesetzt.

Gate of India, Mumbai
Gate of India
Taj Mahal Palace, Mumbai
Taj Mahal Palace

Einfach treiben lassen

Bei meinen Stadtrundgängen lasse ich mich gerne treiben, und sauge einfach so die Eindrücke in mich auf. Dabei durchquerte ich einen Slum, gerade mal 100 m vom Luxushotel entfernt. Wie schon erwähnt, die Gegensätze in dieser Stadt sind enorm und hinter jeder Ecke kann ein komplett anders Szenario zu finden sein. Dann kam ich in ein Viertel mit breiten Alleen und hohen Mauern. Es waren immer weniger Zivilisten, dafür umsomehr Militärpersonal und Schüler in Uniformen zu sehen. Schließlich stand ich vor einem Denkmal in Form eines riesigen Geschützpanzers. Ich war unvermutet in den Militärdistrikt Mumbais gekommen. Nach weiteren 200 m versperrte mir ein Militärposten den Weg. Ich wollte mich zuerst dumm stellen: „Wo geht es hier zu Strand“? Aber no Way, der Soldat ließ sich nicht beirren. Ende des Spaziergangs. Mindestens 2 km musste ich den selben Weg wieder zurückwandern. Ist halt so, wenn man sich treiben lässt.

Streetfood

Abends verpflegte ich mich an den unzähligen Straßenstände der Stadt. Die Vielfalt der dort angebotenen Speisen erschlug mich anfänglich. Die Preise sind für unsere Verhältnisse unfassbar günstig. Es waren fast nur Einheimische zu sehen aber schließlich bald fasste ich mir ein Herz überwand meine Scheu, gesellte mich zu den anderen Gästen und deutete auf die gewünschte Spezialität. Dabei entdeckte ich ein paar hervorragende Gerichte, die mir auf meiner weiteren Indienreise noch oft begegnen sollten. Dort wo die meisten Leute anstanden, gab es das beste Essen.

Stand mit Streetfood, Mumbai
Stand mit Streetfood
Pani Puri Stand
Pani Puri Stand

Am köstlichsten fand ich Pani Puri. Ein Golfball großer knuspriger, innen hohler Teigball, der mit Kichererbsencurry und je nach Wunsch mit einer süßen oder scharfen Sauce gefüllt wurde. Das ganze bekommst du einzeln auf einen kleinen Papp- oder Aluteller. Sobald ich einen gegessen hatte, kam schon der nächste auf den Teller. Zwei Minuten und gefühlte 10 Teigbällchen später war ich fertig. Ich probierte noch zwei weitere Spezialitäten aus, trank ein erfrischendes Lassie, und war satt. Der ganze Spass kostete mich anfänglich etwas Überwindung und schlussendlich umgerechnet 2 Euro.

Lassi- und Michshakestand
Lassi- und Michshakestand

Horizonterweiterung

Wie eng Arm und Reich in dieser Stadt der Gegensätze beisammenliegen, merkte ich abends in meiner Unterkunft. Das Hotel wurde gerade umgebaut. Die Arbeiter die untertags dort beschäftigt waren, fanden unter dem Dachvorsprung auf Matten am staubigen Boden ihre Schlafstatt für die Nacht. 2 Meter weiter befand sich mein luxuriöses Doppelzimmer mit flauschiger Steppdecke, Klimaanlage, eigenem Badezimmer, Minibar und Satellitenfernsehen. Es sind Szenarien wie diese, die ich unzählige Male in Indien gesehen habe, die mich wieder ein wenig demütig und dankbar machen.

Junge Straßenkünstlerin in Colaba
Junge Straßenkünstlerin in Colaba

Was hatte ich doch für ein Glück, im Herzen Europas geboren zu sein. In eine geborgene Umgebung, mit guten Ausbildungsmöglichkeiten, einem funktionierenden Sozial- und Gesundheitssystem, einer ausgezeichneten Infrastruktur und funktionierenden politischen Systemen. Dabei werfen uns oft schon kleine Unregelmäßigkeiten aus der Bahn und wir beschweren uns über Nichtigkeiten. In Indien hingegen habe ich glückliche Leute getroffen, die unter Umständen leben müssen, die für uns einfach unvorstellbar sind. Reisen ist für mich deshalb nicht nur Urlaub, sondern eine Art Persönlichkeitsbildung und Horizonterweiterung. Kann ich nur jedem empfehlen.

Straßenmarkt in Colaba

Banganga Tank

Am darauffolgenden Tag ging ich einem Hinweis von Marlies nach und besuchte den Baganga Tank in den Malabar Hills. Ein hügeliges Cap zu dessen Füßen der Mumbai Drive beginnt. Dieses große Wasserbecken wurde ursprünglich im 12. Jahrhundert errichtet und im 18. Jahrhundert erweitert. Seither wurde immer wieder am Becken und dem dazugehörigen Tempel gebaut. Viele Künstler ließen sich von der malerischen Szenerie inspirieren. Heute findet man in der Gegend einige Wolkenkratzer die diesen malerischen Ort umrahmen. Die Inder lieben Geschichten und es gibt natürlich auch an diesem Ort eine Überlieferung:

Banganga Tank
Banganga Tank
Banganga Tank

Der Legende nach machte der Gott Rama auf der Suche nach seiner entführten Frau Sita dort Rast. Er war müde und durstig und fragte seinen Bruder Lakshmana, ob er ihm nicht etwas Wasser bringen könnte. Daraufhin schoss Lakshmana einen Pfeil in den Boden und ein Wasserstrahl kam heraus. Er schuf damit der Legende nach einen Nebenfluss des Ganges, daher der Name. Baan steht für Pfeil und Ganga für den heiligen Fluss.

Mumbai Drive

Zu Fuß folgte ich beim Retourweg dem an einer großen Bucht gelegenen, in Indien weltberühmten Mumbai Drive. Diese ca. 3,5 km lange Uferstraße wird von einer Promenade begleitet und ist mit ihrer beeindruckenden Skyline im Hintergrund beliebter Drehort für Bollywoodfilme. Der feine Sandstrand sieht sehr einladend aus, vom Baden wird aber dringend abgeraten. In einem Radius von 100 km um Mumbai ist das Meer durch Abwässer verseucht. Abends füllt sich die Promenade mit gefühlt 1 Million Menschen, um den Sonnenuntergang zu betrachten, und danach die Wolkenkratzer in ihrer Lichterpracht zu bestaunen.

Mumbai Drive
Mumbai Drive
Skyline hinter dem Mumbai Drive
Skyline hinter dem Mumbai Drive

Crawford Market

Ebenalls einen Besuch wert ist der weitläufige Crawford Market, unweit nördlich der Victoria Station. Es gibt hier Hallen mit verschiedenen Schwerpunkten: Gewürze, Fisch, Fleisch, Textilien.

Besonders der Fleischmarkt hat mich sehr, wenn auch negativ beeindruckt, eigentlich geschockt. In einer dunklen, vor Dreck starrenden Halle werden auf abgewetzten Tischen und Pflöcken Tierkörper zerlegt. Ratten tummeln sich zwischen Fleischresten in dem Gebäude und jede Menge Fliegen schwirren herum. Es gibt keine Kühlung und der Gestank ist einfach unerträglich. Unglaublich, dass Menschen unter solchen Bedingungen arbeiten können. Ich steckte meinen Kopf nur kurz in die Halle und flüchtete angeekelt vor diesem Höllenszenario. Diese Eindrücke haben mich dazu bewogen, künftig in Indien nur mehr fleischlos zu essen. Ist ja auch viel gesünder. Indiens vielfältige, vegetarische Speisetradition ist außerdem der wahre kulinarische Schatz dieses Landes. Nirgendwo auf der Welt wird es einem leichter gemacht, auf Fleisch zu verzichten.

Fleischhalle im Crawford Market
Fleischhalle im Crawford Market
hinter der Fleischhalle
hinter der Fleischhalle

Aufbruch in den Norden

Nach ein paar Tagen verließ ich Mumbai und damit erstmals auch den Süden des Landes. Ich begab mich per Zug in den 1000 km nördlich gelegenen Bundesstaat Rajasthan. Die Landschaft veränderte sich. Statt Wäldern und Reisfeldern erwarteten mich eine steppenartige, staubige Landschaft und sogar Wüsten. Darin eingebettet befinden sich malerische Städte mit mächtigen Forts und prunkvollen Palästen, die nur darauf zu warten schienen, von mir entdeckt zu werden.

Bildergallerie:

Diese Seite enthält Affiliate Links: Wenn du einem Link folgst und das Produkt kaufst bzw. buchst, erhalte ich eine kleine Provision. Für dich erhöht sich der Preis dadurch nicht. Du unterstützt damit meine Arbeit.

Mumbai – Stadt der Gegensätze
Tagged on:                                 

Martin Wieser

Ich bin Martin. Im zarten Alter von 49 Jahren habe ich beschlossen eine Auszeit zu nehmen, meinen Job gekündigt um mal ein Jahr die Welt zu erkunden. In meinem Blog beschreibe und bebildere ich meine Erlebnisse. Und ich habe eine Mission: deine Reiselust zu wecken.

See all posts by martin-wieser

4 thoughts on “Mumbai – Stadt der Gegensätze

  • 26. Feber 2019 at 12:41
    Permalink

    Ein paar Monate Ortswechsel und einmieten in dem netten Co-Working-Space in Mumbai wäre schon mal was!!
    Bis bald!
    Doris

    Reply
    • 26. Feber 2019 at 16:36
      Permalink

      Beim nächsten Indientrip machen wir das einfach.

      Reply
  • 27. Feber 2019 at 16:09
    Permalink

    Wir lasen deinen Bericht über Mumbai und fanden in ganz toll, auch die Fotos waren genial. Weiterhin viel Vergnügen und alles gute.f

    Reply
    • 2. März 2019 at 13:45
      Permalink

      Danke euch beiden. Ihr seid glaube ich die eifrigsten Leser meines Blogs.

      GLG
      Martin

      Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.