Zugegebenermaßen war ich vor meiner Reise nach Madurai ziemlich nervös. Ich hörte schon vieles über das Reisen in indischen Zügen und es waren einige „Horrorgeschichten“ dabei. Überfüllte Waggons, dreckige Toiletten, gestohlenes Gepäck, endlose Verspätungen und natürlich die Geschichten von Entgleisungen und Zusammenstößen.

Kampf ums Ticket

Jetzt stand ich selbst vor einem Ticketschalter im Bahnhof von Trivandrum und versuchte ein Ticket nach Madurei zu kriegen. Die erste Lektion, die ich lernen musste war, brav anstellen und warten bis man an die Reihe kam, das spielte es hier nicht. Links und rechts wurde ich von Indern „überholt“ und ich stand nach 5 Minuten noch immer an derselben Stelle. Na gut, dachte ich, das kann ich auch, fuhr die Ellbogen aus und schon bekam ich mein Ticket.

Am Bahnsteig in Trivandrum

Prinzipiell könnte man Plätze in indischen Zügen mittels App auch online reservieren, ich habe aber noch keinen Europäer getroffen, der es geschafft hatte, diese App zum Laufen zu bringen. Daher hieß es anstellen und hoffen, dass noch ein Platz im Zug frei war. Es gibt verschiedene Zugklassen und Kontingente und darauf greifen eine Milliarde Inder gleichzeitig zu.

Meine erste Zugfahrt

Bei meiner ersten Fahrt verlief alles, mehr oder weniger, nach Plan. Ich kaufte das billigste Ticket, ohne Reservierung kriegt man nichts anderes, und versuchte im Zug selbst ein Upgrade auf die AC Klasse Liegewagen zu bekommen. Das funktionierte auch, nur welcher Platz jetzt genau meiner war, konnte ich nicht rausfinden. Auch ein freundlicher Indischer Fahrgast konnte mit der handgeschriebenen Information auf dem Ticket wenig anfangen. So wurde ich nach einer Stunde aufgefordert meinen Platz wieder zu verlassen, da eine indische Familie meinen Platz nachweislich schon reserviert hatte. Der Schaffner teilte mir ein anderes freies Bett zu und ich fuhr bis Madurei ungestört, schlummernd weiter.

Ankunft um Mitternacht, feilschte um den Fahrpreis zum Hotel und schon bezog ich mein fensterloses, durch einen Ventilator gekühltes Zimmer mitten im Zentrum. Eine gleichzeitig mit mir ankommende indische Familie machte noch bis frühmorgens einigen Radau, aber ich war schon hundemüde und innerhalb kürzester Zeit schlief ich ein.

Die mächtigen Tempeltürme prägen das Stadtbild von Madurai
Die Tempeltürme prägen das Stadtbild

Morgenstund

Am nächsten Morgen verließ ich das Hotel knapp vor Sonnenaufgang. Die Ruhe um diese Zeit war einfach herrlich. Die ersten Garstuben sperrten gerade auf und es duftete nach frischgebrühtem Chai.

600 Jahre Bauzeit

Mein Orientierungsmarsch ergab, dass ich in unmittelbarer Nähe des Minakshi Tempels wohnte und als ich das erste Mal einen der wirklich beeindruckenden Türme sah, war ich ein wenig sprachlos vor Staunen. Besagte Türme (Gopurams) sind über 50 Meter hoch und vollständig von buntbemalten Granitfiguren überzogen. Die Mauern des viereckigen Komplexes, mit einer Seitenlänge von jeweils ca. 250 m, werden in jeder Himmelsrichtung von einem Gopuram unterbrochen, der gleichzeitig auch als Eingangsportal dient.

Der Tempel hatte eine für uns unvorstellbare Bauzeit von ca. 500 -600 Jahren. Ich verbrachte einen ganzen Tag damit, nur um den Komplex und die darum befindlichen Straßen zu schlendern, Eindrücke zu sammeln und zu fotografieren.

Fotografieren verboten

Zu meinem Leidwesen erfuhr ich, dass es seit letztem Jahr verboten war, Innenaufnahmen der Tempelanlage zu machen. Findige Antiquitäten- bzw. Souvenirverkaufsläden, die um den Platz herum in mehrstöckigen Gebäuden untergebracht waren, erkannten da ihre Chance. So sprach mich gleich bei meiner ersten Umrundung ein freundlicher Mann vor so einem Gebäude an und meinte, es wäre überhaupt kein Problem zu ihm aufs Dach zu kommen, um von dort aus das Innere des Tempelgeländes zu fotografieren.

Beim Aufstieg aufs Dach wurde man natürlich durch die Verkaufsräume geführt und dezent darauf hingewiesen, sich nachher die Ware noch genauer anzusehen, unverbindlich natürlich. Es gab da allerhand Heiligenstatuen, Teppiche, Schmuck und was das Souvenirkäuferherz noch so alles angeblich begehrt.

Der Author vor einem Tempelturm in Madurai

Turm und ich

Am Dach selbst traf ich einen Fotografen aus Kärnten, der ebenfalls die Gunst der Stunde nutzte. Beim Plaudern stellte sich heraus, dass er ein alter Kenner der Szene in Goa war und ich konnte mir ein paar Tipps für meinen geplanten Aufenthalt dort holen.

Ganesharelief am Eingangstor des Tempels von Madurai
Ganesha

Souvenir, Souvenir

Gemeinsam entkamen wir dem freundlichen Souvenirladenbesitzer, ohne unsere Geldbörse zu erleichtern und kurz darauf trennten sich unsere Wege. Er ging in sein 4 Sternehotel ich in meine fensterlose Eremitage (bei einer geplanten Tripdauer von einem Jahr muss ich mein Budget ein wenig im Blick behalten), um mich auf das Abendessen vorzubereiten.

Sicht auf die Tempelanlage vom Dach des Souvenirladens, Madurai
Sicht auf die Tempelanlage vom Dach des Souvenirladens

Real India

Erstmals konnte ich in dieser Stadt in das authentische Indien eintauchen. Der Tourismus in der Region richtet sich eher an ein indisches Publikum und das merkte man auch an der angebotenen Infrastruktur. Es gab keine Kaffeehäuser oder Restaurants im westlichen Sinn, wo man sich einmal zurückziehen, lesen oder entspannen konnte. Dafür war es viel billiger als in Kovalam.

Ein Abendessen mit einem Getränk um wenig mehr als einen Euro und das sogar in einer all you can eat Variante namens Thali. Das ist ein Gericht, welches je nach Region aus unterschiedlichen Zutaten (verschiedenen Currys, Suppen, mixed Pickles …) besteht und meist in kleinen Metallschälchen gemeinsam mit Reis oder den verschiedenen Varianten des indischen Brots (Pappadam, Parotta, Chabatti oder Naan) serviert wird. Ursprünglich und auch heute noch oft in Verwendung sind Bananenblätter als Servierteller. Gegessen wird natürlich mit der rechten Hand.

Fahrradrikscha, Madurai
Fahrradrikscha

Streetlife

Um den Tempel herum gab es jede Menge Devotionalien zu kaufen, Chaistände und Garküchen prägten das Straßenbild. Jeder Straßenzug hatte andere Spezialitäten anzubieten. Es gab Gassen für Silberschmuckverkäufer, einige nur mit Textilien und solche mit Obst- und Gemüseständen. Es machte einfach Spaß um den Tempelkomplex herum zu flanieren, um das bunte Treiben zu beobachten. Viele Gläubige bewegten sich andächtig, im Gebet versunken oder plaudernd im Uhrzeigersinn um den Tempel. Auch einige Sadhus (Suchende) in buntoranger Tracht waren darunter.

Sadhu bei der Umrundung des Tempels in Madurai
Sadhu bei der Umrundung des Tempels
Warten auf die Abendzeremonie im Tempel

Wie komme ich nach Munnar?

Langsam wurde es Zeit, die Weiterfahrt zu organisieren. Ich wollte in die Gegend um Munnar, wo sich die höchstgelegenen Berge Südindiens befinden. Früher zog es die britischen Kolonialherren mit deren Familien, auf der Flucht vor dem unbarmherzig heißen Sommer, in die angenehm kühlen Höhenlagen der Westghats, wo heute der Eravikulam Nationalpark und viele ausgedehnte Teeplantagen zu besichtigen sind.

Später kam ich zur Einsicht, dass ich bezüglich Reiseplanung noch viel zu lernen hatte. Ich erkundigte mich auf der Straße, was die beste Option für meine Reise nach Munnar ist. Da ich hauptsächlich Taxifahrer und Reisebüromitarbeiter fragte, bekam ich als Antwort, dass es keine direkte Busverbindung gäbe und ich daher ein relativ teures Taxi buchen muss. Schluck, na gut, was soll´s. Später haben mir dann englische Backpacker erzählt, dass sie die Strecke Kochi – Munnar per Bus, mit dreimaligem Umsteigen viel günstiger bewältigt hatten und dabei zeitlich kaum länger als ich per Taxi unterwegs waren. Wie gesagt, ich war noch am Lernen und Lehrgeld muss dabei natürlich immer wieder gezahlt werden.

Easy Rider

Endlich angekommen, lieh ich mir in der Unterkunft ein kleines Motorrad (indisch japanische Koproduktion mit immerhin 160 ccm) und glühte vorsichtig, aber schwer begeistert durch die Gegend.

Auf den Bergstraßen ging es zwar gemächlicher zu als in den großen Städten, Vorsicht war aber angeraten. Erstens gibt es in Indien Linksverkehr (das Empire lässt grüßen). Zweitens nimmt es die einheimische Bevölkerung mit Verkehrsregeln nicht so genau und vor allem die Busfahrer hatten ein Höllentempo drauf und ich war mir sicher, dass sie im Ernstfall nicht rechtzeitig bremsen konnten.

Busse und andere motorisierte Verkehrsteilnehmer machten sich Gott sei Dank aber immer lautstark mittels Hupe bemerkbar, sodass man Fahrzeuge schon von Weitem hörte. Am lautesten waren die Nebelhörner der Busfahrer und man war rechtzeitig gewarnt, wann so ein tonnenschweres „Schiff“ auf einen zukam.

Schlagloch voraus

Der Zustand der Straßen schwankte zwischen ausgezeichneten, frisch geteerten Asphaltbändern bis hin zu mit 30 cm tiefen Schlaglöchern übersäten Wellblechpisten, oft abwechselnd, kurz aufeinanderfolgend. Auf Sicht und passiv fahren wäre also eine gute Überlebensstrategie.

Teeplantage bei Munnar
Teeplantage
Der Author auf einem Motorrad der Marke Apache mit 160 ccm
Meine 160er Apache

Wandern, oder doch nicht?

Am nächsten Tag plante ich eine Wanderung auf eigene Faust auf den 2183 Meter hohen Gipfel des Chokramudi. Von dort sollte man einen fantastischen Ausblick über die Umgebung haben. Leider musste ich feststellen, dass die Route wegen Forstarbeiten gesperrt war und unter strenger Strafandrohung auf Schildern davon abgeraten wurde den Weg zu begehen.

Blöd, aber was soll´s. Ich hatte ein Motorrad, und erkundete stattdessen damit die Umgebung mit ihren malerischen Teeplantagen, Wasserfällen und Stauseen.

Abendstimmung auf den Teeplantagen bei Munnar
Abendstimmung auf den Teeplantagen bei Munnar

Abkühlung

Ungewöhnlich war, dass ich des Nachts ein wenig fror, was dem Umstand geschuldet war, dass ich mich doch auf ca. 1600 m Seehöhe befand. Tagsüber war es angenehm warm, in der Nacht kühlte es dann aber bis auf 10 Grad C ab. Unangenehm, wenn man aus der Tiefebene bzw. von den Stränden Kovalams kam und die dortige tropische Wärme gewohnt war. Wie ich herausfand, konnte es sogar noch kälter werden, aber dazu später.

Nach 3 Nächten ging es wieder nach Keralla, in die Küstenstadt Kochi.

Stausee bei Munnar
Stausee bei Munnar

Erste Fahrt mit dem öffentlichen Bus

Diesmal, ich bin ja lernfähig, bewege ich mich mittels öffentlicher Verkehrsmittel weiter. Genau genommen mit einem indischen Überlandbus. Wie immer, wenn ich etwas Neues ausprobiere, war ich anfangs ein wenig nervös. Ich hatte ja keine Ahnung, was bei Busfahrten zu beachten war.

Es begann schon damit, dass es keine ersichtliche Busstation gab. Auf Nachfrage hieß es, ich solle bei einem Lebensmittelgeschäft einfach mal warten, der Bus käme gleich. Und wirklich, mit nur einer halben Stunde Verspätung tauchte ein buntes, überfülltes Ungetüm, welches schwarze Dieselschwaden verströmte, auf und nahm mich mit. Das Ganze ging recht schnell über die Bühne. Man half mir mit meinen schweren Rucksäcken ins Innere. Völlig überrascht von der unmittelbaren Beschleunigung des Busses wirbelte es mich durch die Gegend und ich hätte mir fast den Arm gebrochen. Unter Gelächter halfen mir meine indischen Mitfahrer wieder auf die Beine zu kommen, verstauten mein Gepäck und verschafften mir später sogar einen Sitzplatz in dem völlig überfüllten Bus.

Es war ein ständiges Kommen und Gehen, Neuankömmlinge zwängten sich herein und gleichzeitig drängten die Aussteigenden ins Freie. Es war ein Genuss zuzusehen, wie diese scheinbar unkoordinierte Vorgehensweise funktionierte. Im Fahrzeuginneren blieb es trotz der hohen Außentemperaturen, aufgrund der glaslosen, aber vergitterten Fensteröffnungen, angenehm kühl, solange der Bus in Bewegung war. Der nette Schaffner erklärte mir dann auch noch, wo ich umsteigen müsse und so kam ich schlussendlich, um eine angenehme Erfahrung reicher, in der Millionenstadt Kochi an.

Madurai und Munnar
Tagged on:                                                     

Martin Wieser

Ich bin Martin. Im zarten Alter von 49 Jahren habe ich beschlossen eine Auszeit zu nehmen, meinen Job gekündigt um mal ein Jahr die Welt zu erkunden. In meinem Blog beschreibe und bebildere ich meine Erlebnisse. Und ich habe eine Mission: deine Reiselust zu wecken.

See all posts by martin-wieser

5 thoughts on “Madurai und Munnar

  • 9. Feber 2019 at 20:05
    Permalink

    Vielen Dank für den spannenden Bericht und die phantastischen Photos.
    Die Teeplantagen sehen toll aus.
    Die Erfahrung eines fensterlosen Hotelzimmers möchte ich mir lieber sparen 🙂

    Liebe Grüße
    Stephan

    Reply
    • 11. Feber 2019 at 3:32
      Permalink

      Danke Stephan, ich bevorzuge natürlich auch Zimmer mit Fenstern, aber es ist eine Erfahrung,stärkt die Persönlichkeit und schont das Budget ??

      Reply
  • 16. Feber 2019 at 6:54
    Permalink

    Du bist ein mütig Mensch.
    Nächste Berichte bitte?

    Reply
  • 26. Feber 2019 at 12:44
    Permalink

    Hi,
    habe soeben deine erweiterte Fotogalerie bemerkt. Die Bilder der südindischen Teegärten sind fantastisch!!
    lg, Doris

    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.