Verspätung

Mit dem beruhigenden Gefühl, ein Ticket mit einem garantierten Liegeplatz in der Tasche zu haben, wartete ich am Bahnhof auf meinen Zug nach Allahabad wo gerade die Kumbh Mela, das Fest des Kruges stattfand. Ich erlebte erstmals ein richtiges Unwetter in Indien. Es goss wie aus Kübeln und der Wartesaal war zum Brechen voll, da die Bahnsteige vom peitschenden Regen umspült wurden. Neben mir saßen zwei indische Frauen, die auffallend gutes Englisch sprachen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass beide eigentlich seit Jahrzehnten in Kanada wohnten und gerade auf Familienbesuch in ihrem Heimatort nahe Delhi waren. Ich hatte viel Zeit zum Plaudern, da mein Zug 2 ½ Stunden Verspätung hatte. Zusätzliche 3 Stunden kamen dann noch zu der planmäßig veranschlagten Zeit von 15 Stunden dazu. Mein Zimmervermieter aus Allahabad, Ashish hat mich laufend via WhatsApp kontaktiert, wo ich den bleibe, so ungewöhnlich lang war meine Verspätung.

No Taxi at all

Endlich in Allahabad angekommen, bot sich mir am Bahnhof ein ungewohntes Bild. Im Normalfall, wenn man den Zug mit Gepäck beladen verlässt, wird man von Herden von Taxifahrern, die ihre Dienste anbieten, belagert. Hier nicht, es war nicht einmal ein Taxifahrer in der Nähe. Ich versuchte dann über Grab, einen Uber-ähnlichen Fahrdienst, ein Fahrzeug zu ordern und musste noch eine geschlagene halbe Stunde warten bis endlich eines verfügbar war. Man merkte, dass die Kumbh Mela für volle Auftragslage sorgte und freie Taxis ein seltenes Gut waren. Im Quartier angekommen, erfuhr ich, was für ein Glück ich mit dem Zimmer hatte.

Fake Hotel

Gleichzeitig mit mir ist Richi, ein sympathischer junger Schweizer angekommen und wartete auf sein Zimmer. Er hatte vergangene Nacht eine Odyssee hinter sich. Er hat wie ich ein Zimmer in einem Hotel auf booking.com gebucht, nur als er dort ankam, gab es dort nichts. Kein Hotel dieses Namens war in der ganzen Stadt zu finden. Nach Telefonaten mit der Buchungsfima bekam er zwar die Bestätigung, das Hotel gibt es wirklich nicht, man war untröstlich und er bekäme natürlich auch nichts verrechnet. Soweit so gut, aber es war mitten in der Nacht und er hatte kein Zimmer.

Indian residents only

Dazu muss man wissen, dass es für Ausländer während der Kumbh Mela gar nicht so einfach war, ein freies Zimmer zu finden. Mir selbst war beim Buchen aufgefallen, dass nur 2 – 3 Angebote für den gewünschten Zeitraum in der ganzen Stadt verfügbar waren. Bei allen anderen stand der Vermerk, „Indian residents only“. Das hatte den Hintergrund, dass die Hotelbetreiber bei ausländischen Gästen einen großen Verwaltungsaufwand hatten. Sie müssen die Pässe kopieren, dazu eine Liste mit Daten ausfüllen, angefangen von den Aufenthaltsdaten bis hin zur Visa Nummer und der ausstellenden Behörde. Da die Kumbh Mela dafür sorgte dass praktisch das ganze verfügbare Angebot an Einheimische vermietet werden konnte, bei denen man diesen Verwaltungsaufwand nicht anwenden musste, haben die meisten einfach gesagt, okay, keine Ausländer.

Gemeinsam zum Megafest

So ist Richi also von einem Hotel zum nächsten gefahren, wurde überall abgewiesen oder mit Zimmerpreisen konfrontiert, die das 20-fache der üblichen Hotelmiete ausmachten und kam schließlich in meiner Unterkunft an. Diese war zwar auch teurer als üblich, aber in einem akzeptablen Rahmen. Da wir die einzigen ausländischen Gäste im Quartier waren, beschlossen wir gemeinsam auf das Fest zu gehen.

Swiss Sadhu

Richi war eine interessante Erscheinung. Der 25-jährige Metal-Fan sah fast selbst aus wie ein Sadhu. Lange Haare, genauso langer Bart, Tattoos und jede Menge Armbänder, die fast den ganzen Unterarm bedeckten. In der Schweiz arbeitete er als Bauarbeiter und hatte in der Nebensaison genug Zeit und dank Schweizer Löhne auch genug Geld, um seiner großen Leidenschaft, dem Reisen nachzugehen. Außerdem hatte er ein freundliches, offenes Wesen und kam ohne Probleme mit Einheimischen in Kontakt. Diese waren von seinem Aussehen fasziniert und wir wurden ununterbrochen angesprochen.

Die Organisation war perfekt, fast wie am Donauinselfest in Wien

Indisches Donauinselfest

Wir hatten beide viel von dem großen Fest gehört und waren gespannt, was uns wohl erwarten würde. Als wir beim Festivalgelände am Ganges ausstiegen, sahen wir, dass das Ufer kilometerweit von Zelten mit unterschiedlichen Ausstattungsvarianten gesäumt war. Die Reicheren leisteten sich Wohnzelte mit allem erdenklichen Luxus und natürlich auch in besserer Lage, also näher am Geschehen. Die einfacheren Zelte für die weniger Wohlhabenden waren etwas weiter abseits zu finden. Das Szenario erinnerte mich ein wenig an das Donauinselfest in Wien.

Wo sind die Massen?

Es wunderte uns allerdings, dass so wenig los war. Wir hatten Herden von Feiernden erwartet, aber der Ansturm hielt sich in Grenzen. Es war zwar nicht so, dass überhaupt nichts los war, aber für indische Verhältnisse war die Menge extrem überschaubar.

Bad im Ganges

Richi bat mich, von ihm ein Video beim Bad im Gangs zu machen. Unter zustimmenden Blicken von einheimischen Festivalbesuchern stieg er in den Fluss und tauchte sein Haupt mehrfach in die Brühe. Dazu muss man wissen, dass der Ganges dort schon lange nicht mehr der klare Gebirgsbach war, wie weiter stromaufwärts in Rishikesh. Zahlreiche Industriebetriebe und natürlich die großen Städte selbst entsorgten ihre Abwässer in dem heiligen Fluss. Erwiesenermaßen herrschte dort also eine Keimdichte, welche die erlaubten Grenzwerte teilweise um das tausendfache überschritten. Mit diesem Wissen im Hinterkopf, verkniff ich mir das zweifelhafte Vergnügen eines Bades, zudem war es gar nicht so besonders warm und ich wollte mich nicht verkühlen.

Mal schnell den Fluss überqueren

Da am anderen Ufer mehr los zu sein schien, wechselten wir mittels Bootes kurzerhand die Uferseite. Da war ein bisschen mehr los, das große Gedränge, wie ich es auf Videos gesehen hatte, gab es aber auch hier nicht. Der Höhepunkt des 3 Monate dauernden Festes schien vorbei. In ein paar Tagen war Schluss und alles würde wieder seinen gewohnten Gang gehen.

Pilger, Verkäufer, Bettler und Sadhus

Viele Pilger, Männer und Frauen, stiegen in die braunen Fluten um sich rituell zu waschen. Diese Waschungen sollten während des Festivals, so der Volksglaube, von Sünden befreien und damit den Weg ins Nirvana verkürzen. Sadhus liefen herum und wollten fotografiert werden. Das kannte ich schon aus Rishikesh, gegen eine kleine Spende natürlich. Kinder bettelten um Geld, Essens- und sonstige Verkaufsstände boten lauthals ihre Waren an. Richi und ich schienen an diesem Tag doch tatsächlich die einzigen Ausländer auf diesem Fest zu sein. Einige der badenden baten mich ein Bild von ihrer Gruppe zu machen und es ihnen per WhatsApp zukommen zu lassen. So schlenderten wir durch den Rummel, wurden selbst oft fotografiert und nach Einbruch der Dunkelheit schien das Gröbste vorbei zu sein, und wir machten uns daran, das Fest zu verlassen.

Wieder hatten wir ein Taxiproblem und erst einige Zeit später gelang es uns ein Fahrzeug zu vernünftigen Preisen zu bekommen.

In unserer Unterkunft trafen wir dann noch Richis indischen Freund, der mit seiner Familie aus Bangalore angereist war. Sie bewohnten eines der besseren Zelte am Gangesufer. Wir tranken gemeinsam ein abschließendes Bier, und das war es dann auch schon mit der Kumbh Mela.

Fazit: ein großartiges Ereignis

Obwohl ich ursprünglich mehr Gedränge auf dem Fest erwartete, war schwer beeindruckt von diesem Fest. Die positive Stimmung war überall spürbar und das muss auch gesagt werden: die Organisation war schlichtweg perfekt. Das muss man sich einmal vorstellen: 150 Millionen Besucher friedlich vereint. Keinerlei Tumulte und das im Rahmen einer 3 monatigen Veranstaltung. Ich werde auf jeden Fall versuchen, bei der nächsten großen Kumbh Mela 2021 wieder dabei zu sein.

Kumbh Mela – Fest des Kruges

Kumbh Mela, wörtlich übersetzt mit „Fest des Kruges“ hat eine jahrhundertelange wenn nicht gar jahrtausendelange Tradition. Das Fest geht auf die Geschichte des Quirlen des Milchozeans zurück. In einem legendären, Jahrtausende andauernden Tauziehen zwischen den Göttern (Devas) und den Dämonen (Asuras), als Tau diente dabei die Götterschlange Vasuki, wurde durch das Quirlen des Milchozeans der Unsterblichkeitstrank Amrita herausdestilliert. Der göttliche Nektar wurde mittels eines Kruges vom Arzt der Götter, Dhanvantari, aus dem Ozean fortgetragen. Die Devas und die Asuras stritten sich um den Krug, dabei fielen 4 Tropfen dieses kostbaren Nektars auf die Erde, und zwar dorthin wo sich heute die Städte Haridwar, Allahabad sowie Ujjain und Nashik befinden. Aufgrund dieser Legende findet in diesen vier Städten alle paar Jahre die Kumbh Mela statt, die größte dieser Festivitäten alle 12 Jahre in Haridwar. Im Jahr 2010 wurden bei diesem 3 Monate dauernden Veranstaltung an die 34 Millionen Besucher gezählt. 2019 sollen es in Allahabad bereits 150 Millionen gewesen sein.

Am nächsten Morgen fuhr ich weiter nach Varanasi, der nächsten heiligen Stadt am Ganges. Es sollte für mich die vorletzte Station meines Indienaufenthaltes sein.

Konflikt Indien Pakistan II

Das Taxi zum Bahnhof war von der moderneren Sorte. Es hatte ein zentrales, große Farbdisplay. Während der Fahrt lief dort ein CNN ähnlicher Kanal, wo neben den Bildern parallel auch die Schlagzeilen laufend auf Hindi eingeblendet wurden. Es ging eindeutig um einen Konflikt. Gezeigt wurde eine Landkarte die den Grenzbereich Indien Pakistan abbildete und ein stilisiertes Flugzeug, das auf pakistanischem Gebiet abgeschossen wurde. Ich vermutete es handelt sich noch immer um den selben Grenzkonflikt, von dem ich schon in Jaisalmer gehört hatte. Ich fragte meinen Fahrer, was da los sei und er stellte mir über sein Smartphone, dass er mit dem Display verbunden hatte, den Sender auf einen englischsprachigen Kanal ein. Und wirklich, es ging noch immer um das selbe Thema, nur das Säbelrasseln ist inzwischen lauter geworden.

Was passiert hier gerade?

Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. War ich schon so abgebrüht? Was passierte hier gerade? Wir befanden uns im ärgsten Berufsverkehr im einem Land in dem Verkehrsregeln nicht annähernd das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Links wurden wir von einem Mofa überholt, gerade konnten wir noch einem LKW ausweichen, der rechts ohne zu blinken die Spur gewechselt hatte, und mein Fahrer bremste gerade noch rechtzeitig ab, um nicht in die Mopedrikscha vor uns reinzuknallen. Fahrspuren sind in Índien nur theoretisch vorhanden. Gefahren wird, wo gerade Platz ist, und wenn sich nur eine klitzekleine Lücke auftut, Vollgas und hinein. Worauf ich hinaus will. Während der ärgsten Verkehrsbedingungen zur Stoßzeit im Land mit dem chaotischsten Straßenverkehr der ganzen Welt, sitzt mein Fahrer während der Fahrt und spielt sich parallel am Handy und am Fahrzeugdisplay, um mir die neuesten Nachrichten zu zeigen. Daheim wäre ich mir der Gefahr sofort bewusst geworden und wahrscheinlich ausgerastet. Hier muss ich schon einmal kurz in mich gehen, um die Situation überhaupt zu erfassen. Wahnsinn, es scheint, dass mich der Trip schon verändert hat und ich auch schon mental in Indien angekommen bin. Goodbye Kumbh Mela, welcome to India.

Kumbh Mela – das Fest des Kruges in Allahabad
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Martin Wieser

Ich bin Martin. Im zarten Alter von 49 Jahren habe ich beschlossen eine Auszeit zu nehmen, meinen Job gekündigt um mal ein Jahr die Welt zu erkunden. In meinem Blog beschreibe und bebildere ich meine Erlebnisse. Und ich habe eine Mission: deine Reiselust zu wecken.

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2 thoughts on “Kumbh Mela – das Fest des Kruges in Allahabad

  • 22. April 2019 at 17:33
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    Zugfahrt nach Rishkesh war wieder wunderbar berichtet , man kann nur gratulieren zu deinen Reiseberichten, wir freuen uns schon wieder auf deinen Nächsten Bericht. Grüße Ingrid und Franz.

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