Reisen und Auszeit werden als der perfekte Urlaub schlechthin wahr genommen. Ist das aber wirklich so? Mein Erfahrungen nach 4 Monaten Weltreise.

Doris winkt mir zum Abschied, ich kämpfte mit den Tränen und besteige den Flieger nach Phuket. Doris fliegt am selben Tag nach Österreich zurück. Wir hatten schöne 4 Wochen. 4 Wochen wo wir als Paar unterwegs waren. Da war wieder jemand zum reden, jemand mit dem ich mein Zimmer teilte, jemand der auf den Rucksack aufpasste, wenn ich aufs Klo musste, jemand mit dem ich philosophieren und mit dem ich streiten konnte, jemand, den ich liebe. All das war jetzt vorbei.

Das schwarze Loch

Natürlich habe ich schon von dem berüchtigten schwarzen Loch gehört. Weltreisende berichten immer wieder darüber. Du kommst nach einem Jahr nach Hause, hast viel erlebt und bist ein anderer geworden. Der Mensch, der du am Anfang deiner Reise warst, hat sich verändert oder existiert nicht mehr.

Aber ich bin noch nicht am Ende meiner Reise. Ich bin gerade 4 Monate unterwegs, bin auf dem Weg in den Süden Thailands und mitten drin in einer Sinnkrise.

Phuktet
Obwohl Phuket schon schöne Seiten hat

In Phuket und weiß ich nicht mehr weiter. Der Ort ödet mich an. Es ist heiß, überall Pauschaltouristen, High Life in der Partymeile und mir ist nicht nach feiern zu Mute. Eigentlich will ich heim.

Abbruch? Heimreise?

Nur eines ist klar, wenn ich jetzt nach Hause fahre, werde ich mein Projekt abbrechen, nicht mehr weiterreisen, aufgeben. Und es gibt noch so viel zu sehen, soviel zu erfahren. Meine nächstes Ziel soll Malaysia sein. Mein Projekt Reiseblog stockt. Ich bin mit Indien noch nicht fertig und soll schon wieder weiterziehen. Ich kann nicht mehr.

In meiner Verzweiflung denke an ich meinen guten Freund Wolfgang. Er hat mir angeboten, dass ich jederzeit sein Haus in Hua Hin benutzen kann, es steht ohnehin leer. Ein kurzer Anruf und die Sache ist geritzt. Am nächsten Tag besteige ich den Bus nach Hua Hin.

Überforderung

Das klingt jetzt total bescheuert und ein Außenstehender kann schwer nachvollziehen, was da in mir vorgeht. Jetzt ist der ein Jahr in den schönsten Gebieten der Welt unterwegs und redet davon überfordert zu sein. Ja das bin ich, überfordert von den massigen Eindrücken, die ich unterwegs gesammelt, aber bei weitem nicht verarbeitet habe. Überfordert damit, allein zu sein und alle paar Tage zu einer weiteren Attraktion zu hetzen. Auch das Tempo ist es, das mich fertig macht.

Das musst du dir einmal vorstellen, du bist 2 oder 3 Tage an einem Ort, weisst vielleicht endlich wie alles dort funktioniert und dann fährst du wieder weiter, ins Unbekannte. Davor musst du dich aber erst um den Transport kümmern, nehme ich den Bus, den Zug vielleicht eine Kombination aus beiden? Dann musst du online ein Zimmer suchen, recherchieren im welchen Viertel einer Stadt du am besten absteigst. Welche Sehenswürdigkeiten gibt es dort? Wie komme ich dort hin? Und wenn du das alles endlich herausgefunden hast, geht es schon wieder an die Planung für den nächsten Trip. Wenn du das 3 Wochen machst ist das vielleicht noch spassig, aber nach 4 Monaten brauchst du eine Auszeit von der Auszeit.

Vielleicht ist das anders, wenn man gerade aus der Schule kommt. Mit zwanzig ist man offener, viele Gleichaltrige sind in der Welt unterwegs. Mit weit über 40 fast schon 50 sieht die Welt doch ein wenig anders aus. Ich bin nicht mehr so unbekümmert, es fehlt die Leichtigkeit. Egal, nicht jammern, nicht grübeln, aufraffen – weiter geht es. Wäre doch gelacht wenn ich das nicht hinkriege.

4 Uhr morgens in Hua Hin

Es ist vier Uhr morgens, als Wolfgangs Nachbar Peter, ein mittlerweile liebgewordener Freund, mich an der Bushaltestelle in Hua Hin abholt. Als ich Wolfgangs Haus betrete, den Rucksack ins Eck schleudere scheint mir eine schwere Last von den Schultern zu gleiten. Ich versinke in der weichen Matratze mit dem angenehmen Gefühl, geborgen zu sein. Vorerst einmal.

Die nächsten vier Wochen sind entspannt und gleichzeitig sehr arbeitsam. Ich komme endlich dazu mein Herzensprojekt, den Reiseblog, wieder aufzunehmen und aufzuarbeiten, was ich erlebt habe. Ich habe Zeit wieder ein klein wenig mit mir ins Reine zu kommen.

Alltägliche Dinge bestimmen meinen Tagesablauf: den Boden kehren, einkaufen gehen, am Abend die Nachrichten aus der Heimat streamen, schwimmen gehen. Das tut richtig gut. Ich spüre wie ich wieder zu Kräften komme. Meine Motivation steigt wieder.

Markt in Hua Hin

Tote Ratten und Kakerlaken

Ich bin Wolfgang unendlich dankbar dafür, dass er mir sein Haus als Zufluchtsort zu Verfügung stellt. Ein wenig Garten gießen und das Haus aufräumen scheint mir ein geringer Preis für meinen Seelenfrieden. Wobei, die verwesende Ratte aus dem Abfalleimer zu kratzen, und die Kakerlakenbrut auszurotten, die sich seit unserer Abwesenheit breit gemacht hat, ist schon grenzwertig. Nein im Ernst, das ist ein wahrer Freundschaftsdienst und ich werde ihm das nie vergessen.

Schatten im Paradies

Ich lerne auch die Schattenseiten des Lebens im vermeintlichen Paradies kennen: Sinnleere. Den ganze Tag nichts zu tun haben kann auslaugend sein. Ich sehe Menschen, die scheinbar alles haben was erstrebenswert scheint. Ein großes Haus, ein fetter SUV, eine schöne Thai Frau. Und trotzdem – glückliche Leute sehen anders aus.

Wolfgangs Haus in Hua Hin, Thailand
Wolfgangs Haus in Hua Hin

Wenn du nichts zu tun hast, nur so in den Tag hineinlebst, wird es schnell langweilig im Paradies. Alkohol ist ein großes Thema in der Community, die Leere muss gefüllt werden. Es ist schon fein, ein paar Wochen das süße Nichtstun am Pool oder Strand zu genießen. Aber wenn das Alltag wird, tagein tagaus das Selbe, dann wird es eng. Probleme aus der alten Heimat, man glaubte sie überwunden zu haben, holen einen wieder ein. Man ist eben doch kein anderer Mensch, nur weil man wo anders wohnt.

Das Leben hier ist irgendwie wie ein Spiegel des Lebens in Europa, nur eben unter Palmen. Irgendwann sitzt der Fernsehjunkie auch hier, in seinem klimatisierten Wohnzimmer, und starrt in die Glotze. Bleibt der Traum vom ewigen Urlaub nur ein unerfüllbarer Traum?

Dankbar, erleichtert und gestärkt verlasse ich nach ein paar Wochen Hua Hin mit dem Nachtzug Richtung Langkawi. Das schwarze Loch scheint überwunden und die Welt da draußen scheint nur darauf zu warten, von mir entdeckt zu werden. Ich komme, ich bin bereit.

Zwischen den Reisen – Einsichten aus dem schwarzen Loch
Tagged on:             

Martin Wieser

der Niederösterreicher hat mit 49 Jahren seinen Job gekündigt um mal ein Jahr die Welt zu erkunden. Er beschreibt und bebildert seine Erlebnisse auf dieser Seite und will vor allem eines: deine Reiselust wecken.

See all posts by martin-wieser

2 thoughts on “Zwischen den Reisen – Einsichten aus dem schwarzen Loch

  • 22. Juli 2019 at 18:10
    Permalink

    Gut, dass du nicht aufgegeben hast. Obwohl man es absolut verstehen könnte. Permanentem Ortswechsel, ganz anderen Kulturen und immer wieder Reizüberflutung durch enorm viele Eindrücke stelle ich mir auf Dauer schon echt anstrengend vor.
    Liebe Grüße, Inge

    Reply
    • 22. Juli 2019 at 23:53
      Permalink

      Danke für den Zuspruch :-). Ich konnte es Anfangs selbst nicht glauben, wie anstrengend reisen über einen langen Zeitraum sein kann, so erfüllend es auch ist. Vor 20 Jahren hätte mir das vielleicht noch nicht so zugesetzt, aber als Endvierziger siehst du das anders. Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich einfach langsamer Reisen, kürzer treten muss, länger an einem Ort bleibe und Erholungsphasen einplane. Das erhöht die Qualität der Reise, du siehst mehr und kannst dich besser auf Land und Leute einlassen.

      Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.